Das Gartenzimmer – Leben im Tiny House

Mit 18 Jahren hat Nina Haus gebaut – größtenteils mit ihren eigenen Händen. Ihr Tiny House aus Lärchenholz ist 15 Quadratmeter groß. Seit sieben Jahren lebt sie darin.


TEXT: URSI ZAISER VIDEO: ELISABETH GOLLIEN


„Ich mag Herausforderungen. Wahrscheinlich ist das auch ein Grund, warum das hier gebaut worden ist.“ Das hier, das ist Ninas Tiny House. Die Biologiestudentin lädt auf das Grundstück in Niederösterreich ein, auf dem das winzige Häuschen steht. Von der Fläche her ist es so groß wie ein Wohn- oder Schlafzimmer. Drin ist aber fast alles, was sich sonst auf eine gesamte Wohnung aufteilt: Schlafzimmer, Küche, Essbereich, Wohnzimmer, Arbeitszimmer, Hundehöhle. Nur das Bad befindet sich in einem Bauwagen draußen.




Das funktioniert durch geschickte Platzaufteilung. Das Bett ist ein Hochbett. Die Stufen, die zum Bett hinaufführen, nutzt Nina gleichzeitig als Regal. Der Esstisch ist auch der Schreibtisch. Auch der Stauraum unter dem Sofa wird genutzt. In die Einbuchtung an der Seite der Badewanne hat Nina einen Putzkasten eingebaut. Überall dort, wo man nicht vermuten würde, dass noch etwas Platz findet, ist bestimmt noch irgendetwas untergebracht.


Ninas Tiny House von innen: Man sieht ein Sofa, zwei große Fenster, ein Regal und einen Tisch.

Vom Hochbett aus lässt sich das ganze Tiny House überblicken



Selbst Haus bauen


Die Idee für ihr Tiny House kommt Nina 2014, nach ihrer Matura. Sie will von zu Hause ausziehen, aber nicht nach Wien. In der großen Stadt würde sie sich nicht wohlfühlen. Die Natur würde ihr zu sehr fehlen. Ihre Familie besitzt ein 3500 Quadratmeter großes Grundstück, das sie nicht benutzt. Es soll Ninas neues Zuhause werden. Nachhaltigkeit und Verbundenheit mit der Natur sind ihr dabei sehr wichtig. Sie plant und baut ihr Tiny House selbst. Ihr Vater ist der Baumeister hinter dem Projekt. „Ohne ihn hätte ich das auf keinen Fall verwirklichen können. Er segnet alle Pläne ab und zeigt mir, wie es vielleicht besser machbar ist“, erzählt Nina. Noch 2014 setzt sie ihren Plan in die Tat um und beginnt, ihr Haus zu bauen.


Das Tiny House besteht hauptsächlich aus Lärchenholz und ist mit Holzwolle gedämmt. Ohne Heizung wird es drinnen trotzdem ziemlich kalt. Im Winter hat es in der Früh etwa zehn Grad. Mit einem kleinen Heizstrahler lässt sich das Tiny House aber schnell aufwärmen. Es steht auf einem Anhänger, könnte also auch ein mobiler Wohnwagen werden. Dafür fehlt Nina allerdings noch die Straßenzulassung.

Nina in ihrem Tiny House: Es ist mit dunklem Holz verkleidet und erinnert an einen Wohnwagen.

Großes Grundstück, kleines Haus: Dieses Tiny House ist Ninas eigenes Werk


Einen Stromanschluss hat das Haus. Ihren Kanal musste sich Nina selbst bauen. Als wir sie besuchen, liegen die Rohre noch frei. Mittlerweile sind sie aber unter der Erde. Über diese Rohre läuft das Abwasser vom Badezimmer ab. Dieses hat sie erst im Sommer 2020 gebaut, in einem alten, gelben Bauwagen. In dem Bauwagen gibt es auch ein kleines Gästezimmer. In einem Kohlenbadeofen kann Nina nun auch Wasser zum Duschen aufheizen. Davor hat sie sich mit dem kalten Wasser der Gartendusche geduscht, oder sie hat das Bad bei ihren Eltern benutzt. Bei ihnen wäscht Nina auch ihre Wäsche. Eine Waschmaschine zu haben, wäre aber prinzipiell möglich, meint sie. Auch neu dazugekommen ist die Terrasse vor dem Tiny House.



Leben mit Hund und Ziegen


Nina teilt sich ihr Zuhause mit ihrem Hund Galeo und den Kashgora-Ziegen Strolchie und Felie. Auf den ersten Blick könnte man sie für Schafe halten, so groß und wollig sind sie. Die Ziegen haben ein großes Gehege auf dem Grundstück. Nina geht aber auch regelmäßig mit ihnen und Galeo spazieren. Nina sieht die Ziegen als eine der größten Herausforderungen ihrer Lebenssituation. „Bis ich mal einen Zaun gebaut hab, der ziegensicher ist, das dauert oft Jahre."

Eine Ziege streckt ihre Schnauze durch einen Maschendrahtzaun hindurch

Die beiden Ziegen Strolchie und Felie leben seit sechs Jahren bei Nina auf dem Grundstück


Der Zaun ist auch nötig, um zu verhindern, dass die Ziegen die Ernte abfressen. Das große Grundstück nutzt Nina nämlich auch, um Lebensmittel für sich selbst anzubauen. Obstbäume und Wildkräuter hat sie direkt vor der Haustür.



Tiny Houses – eine Bewegung


Bei stetig steigenden Mietpreisen sehen sich viele Menschen nach einer günstigeren Alternative um. Tiny Houses sind genau das. Schlüsselfertige Tiny Houses sind für 60.000 bis 70.000 Euro zu haben. Nina hat für ihr Tiny House rund 10.000 Euro ausgegeben. Sie hat alles selbst gebaut, nur das Dach hat sie professionell decken lassen. Der Bauwagen mit Bade- und Gästezimmer hat noch einmal 2.000 Euro gekostet. Die Betriebskosten für Tiny Houses sind sehr niedrig, eben weil sie so klein sind. Nina legt viel Wert darauf, Strom und Wasser zu sparen. Sie hat Betriebskosten von 25 Euro im Monat.


Die Tiny House-Bewegung hat in den USA ihren Anfang genommen. Durch die Finanzkrise in den Jahren 2007 und 2008 konnten viele Familien die Kredite für ihre Häuser nicht abbezahlen und haben diese verloren. Viele von ihnen sind deshalb kurzerhand in einen Wohnwagen gezogen. Was für manche aus der Not heraus zum Zuhause wird, kann auch als Konzept für minimalistisches und nachhaltiges Wohnen verstanden werden. Viele Tiny Houses sind so aufgebaut, dass sie umweltfreundlich sind. Solaranlagen auf dem Dach sind keine Seltenheit. Außerdem verbrauchen Tiny Houses aufgrund ihrer geringen Größe nur wenig Ressourcen, wie zum Beispiel Baumaterial.

Ein gelber alter Bauwagen steht auf einem Anhänger im Garten. Darin befindet sich das Bade- und Gästezimmer.

Ninas Badezimmer hat in einem Bauwagen Platz gefunden


Natürlich gibt es Tiny Houses mittlerweile auch in der Luxusvariante. Nina grenzt sich davon aber ab. "Das Leben beginnt außerhalb der Komfortzone", meint sie. Dadurch ist es für sie auch kein Problem, dass sie aus ihrem Haus hinaus muss, wenn sie auf die Toilette will – die steht nämlich im Bauwagen. Auch die Kälte stört sie nicht. Vielmehr sieht sie ihr Tiny House als Luxus und meint, dass dort durchaus auch eine zweite Person mit ihr wohnen könnte und trotzdem noch genug Platz wäre. Sie räumt aber ein, dass es dann wenig Rückzugsraum gebe, wenn jemand einmal allein sein möchte. Das Wichtigste für sie ist die Nähe zur Natur, die ihr das Tiny House bietet. "Man lebt mit dem Wetter. Zum Beispiel, wenn es stürmt und das ganze Haus wackelt."



Zurück in ein Haus?


Nina könnte sich zwar vorstellen, wieder in ein festes Haus oder eine Wohnung zu ziehen. "Aber ich glaube, ich würde mir das Leben und das, was ich hier gelernt habe, auf jeden Fall mitnehmen, vor allem Richtung Minimalismus." Für sie ist es vor allem wichtig, mit wem sie zusammenwohnt. Wenn man sie fragt, ob sie sich vorstellen kann, ihr Häuschen einmal herzugeben, sagt sie zuerst: "Ich möchte auf jeden Fall flexibel bleiben für die Zukunft." Dann schweigt Nina kurz und ein Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. "Nein", lacht sie dann. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich's mal verkaufe."