Der Himmel auf Erden

Schweigsam, unselbständig, streng oder doch nur abgeschottet von der Außenwelt? In der öffentlichen Meinung, in Filmen und Büchern kommen Ordensschwestern nicht besonders gut weg. Wie das Leben in einer Klostergemeinschaft wirklich abläuft und was Ordensfrauen den ganzen Tag lang machen, sieht aber ganz anders aus.


TEXT: DENISE MEIER

VIDEO & FOTOS: HANNAH LEHNER, SIRI MALMBORG


Die Sonne scheint in Vöcklabruck, es ist vielleicht der erste richtige Sommertag. Die Bäume blühen mit den Wiesen um die Wette, als Schwester Ida durch den Klostergarten spaziert. Sie ist auf der Suche nach einem geeigneten Platz für ihr Interview. Sie kennt sich aus mit Kameras. Schwester Ida ist mit 27 Jahren die Jüngste im Kloster.



Eigentlich stimmt das so nicht ganz. Unter Ordensfrauen zählt man die Jahre nicht ab der Geburt, sondern ab dem Eintritt ins Kloster. So sind einige ihrer Mitschwestern „jünger“ als sie, obwohl sie früher geboren sind. Schwester Ida hat es mit 19 zu den Franziskanerinnen nach Vöcklabruck verschlagen. Ihre Familie hatte davor nicht so viel mit der Kirche am Hut.

"Wenn einem eine Berufung geschenkt wird, fühlt man eine innerliche Sicherheit"

Henne oder Ei? Glaube oder Kloster?

Die Voraussetzung dafür, dass eine junge Frau ein Leben im Kloster überhaupt in Erwägung zieht, ist ein starker Glaube, oder? Bei Schwester Ida war das ein bisschen anders: Erst das Kloster, dann der Glaube. Während ihrer Lehrzeit zur Gärtnerin suchte sie nach einem günstigen Urlaub. Den fand sie bei den Franziskanerinnen in Vöcklabruck, beim Mitleben auf Zeit. Dabei gibt es die Bedingung, täglich im Kloster mitzuhelfen. Schwester Ida, die damals noch Lisa hieß, hatte die Aufgabe, einer älteren Schwester beim Rosenkranzbinden zu helfen. Dadurch kam sie mit ihr ins Reden - seither hat sie das Ordensleben nicht mehr losgelassen. „Wenn einem eine Berufung geschenkt wird, fühlt man eine innerliche Sicherheit. Das kann man nicht genau beschreiben, man weiß es einfach, wenn man richtig ist. Man kann dann ganz befreit ja sagen.“ Schwester Ida hat ihre Berufung erfahren.


Nachdem sie die Lehre abgeschlossen hatte, entschied sich Schwester Ida dazu, ganz ins Kloster einzutreten. Ordensfrau wird man aber nicht über Nacht. Die Ausbildung dauert acht Jahre und durchläuft drei verschiedene Phasen: das Postulat, das Noviziat und das Juniorat. Schon im Noviziat erhalten die Anwärterinnen, Novizininnen genannt, einen neuen Namen, weißen Schleier und die Ordenstracht. Im Juniorat folgt die Erstprofess, welche die jungen Schwestern für zwei Jahre an das Kloster bindet. Ab jetzt trägt die Franziskanerin einen schwarzen Schleier. Nach einer Professerneuerung, die für weitere drei Jahre bindet, kommt die Ewige Profess. Hier verspricht die Ordensfrau, ihr Leben im Kloster zu verbringen. Schwester Ida hat ihre ewige Profess im August 2020 abgelegt. Trotz Corona konnten alle ihre Lieben dabei sein – via Livestream.

"Der Vorteil bei der jungen Generation ist, dass keine veralteten Bilder da sind, sondern einfach gar nichts."

Eine Professfeier, die von Klosterschwestern veranstaltet wird, übers Internet streamen? Den einen oder die andere mag das vielleicht überraschen, denn die Liste an Vorurteilen über Ordensfrauen ist lang. Sie sind alt, spießig, leben quasi hinterm Mond und beten den lieben langen Tag. Die junge Schwester räumt mit diesen Vorurteilen auf. Ganz entschieden sagt sie, dass ihr Leben nicht langweilig ist. Sie ist weder eingesperrt noch unterdrückt. Sie passt nicht in das Bild, das die meisten Menschen von der typischen Klosterschwester haben. Dieses ist laut Schwester Ida vor allem in Menschen Mitte fünfzig verankert, jüngere begegnen ihr anders.

„Der Vorteil bei der jungen Generation ist, dass keine veralteten Bilder da sind, sondern einfach gar nichts. Mit gar nichts kann man viel leichter arbeiten als mit Vorurteilen.“


Die Sache mit dem neuen Namen

Schwester Ida hat nicht immer so geheißen. Früher war ihr Name Lisa. Alte Freund*innen nennen sie auch jetzt noch so, aber die meisten Menschen, mit denen sie regelmäßig zu tun hat, kennen sie als Schwester Ida. Auf Ida alleine hört sie gar nicht. Vorschläge für den Ordensnamen geben Novizinnen heutzutage selbst ab. Oft fällt die Wahl auf einen Namen, der der Novizin schon immer viel bedeutet hat, oder dessen Patron*in eine Geschichte hat, sie beeindruckt. Die Bedingung dabei ist, dass es den Namen nicht doppelt geben darf. Trägt den Namen schon eine andere Schwester in der Gemeinschaft, ist er tabu. So kamen in Blütezeiten des Klosters Namen wie Schwester Waldrada oder Schwester Ehrentrudis vor, da jeder Name einzigartig sein sollte. Ihre besondere Bewunderung spricht Schwester Ida aber einer ihrer Vorgängerinnen aus: "Sie hat Gamelberta geheißen, und jeder, der es schneller gesagt hat, hat es wie Gammel-Berta ausgesprochen." In heutigen Zeiten ist das Risiko, ungewollt einen so ausgefallenen Namen zu ergattern, eher gering.


Schwester Idas Tau-Kreuz, das sie im Postulat erhalten hat

Möge der Flow Gottes mit dir sein

Viele religiös erzogene Menschen haben sich wahrscheinlich schon dabei ertappt, wie sie in Krisenzeiten ein Stoßgebet in den Himmel geschickt haben. "Gott, wenn du mir jetzt zeigst, dass du da bist, dann gehe ich für den Rest des Lebens jeden Sonntag in die Kirche." Diese Bitte kommt sicher manchen bekannt vor. Wie sich aber wirklich anfühlt, wenn man die Nähe Gottes spürt, erklärt Schwester Ida, wissen nur wenige. Das sei für jede*n individuell: „Wenn ich modern sagen würde, ich habe ein Erlebnis, wo ich Gott spüre, würde ich sagen, ich habe einen Flow. Das kann man nicht beschreiben.“


Einen Gott zu spüren, das wünschen sich 2010 etwa 82% der Weltbevölkerung. Sie bezeichnen sich selbst als religiös. In einem Leben vor der Wissenschaft brauchte man den Glaube allein schon, um Katastrophen wie Unwetter oder Hungersnöte zu erklären. Obwohl das heutzutage natürlich nicht mehr nötig ist, hält der Großteil der Menschen bis heute an dem Konstrukt fest. Ein Grund: Glaube spendet Trost. Er hilft Menschen, Gemeinschaften zu bilden, mit denen sie unter den gleichen Regeln gut zusammenleben können. Gläubigen gibt die Religion einen Sinn im Leben, ein Ziel, die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Die goldene Regel, die sich durch alle Weltreligionen zieht, gibt eine Richtung vor. Im Christentum lautet sie: "Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihr ihnen ebenso (Matthäus 7,12; Lukas 6,31)."

Die Zeit zum Beten fehlt

Die diplomierte Sozialpädagogin kümmert sich nicht nur um die Kinder im Hort, sondern auch um den Instagram-Kanal des Klosters. Im Laufe des Jahres startet sie ein neues Projekt, das Quartier 16, das Frauen in Notsituationen eine Unterkunft bietet. Schwester Ida hat alle Hände voll zu tun. Sie zum Gebet zu falten, dazu bleibt wenig Zeit, zu wenig, findet sie schon fast. Darin liegt auch der wesentliche Unterschied zwischen Nonnen und Ordensfrauen. Bei Nonnen steht das Gebet im Mittelpunkt, das Gespräch mit Gott. Ordensfrauen, wie Schwester Ida eine ist, finden das Gebet in der Arbeit. Angehörige des Ordens, der vom heiligen Franz von Assisi ins Leben gerufen wurde, sehen ihre Aufgabe darin, Fürsorge für Hilfsbedürftige, Schwache, Kranke und Alte zu leisten, setzen sich für Bildung und Erziehung ein und verkünden das Evangelium. Darum leiten die Franziskanerinnen viele Krankenhäuser, Pflegeheime, Kindergärten, Schulen und Horte, in einem davon hat Schwester Ida gearbeitet. „Mein Leben ist nicht langweilig", sagt sie, „es tut sich viel zu viel manchmal.“


Mit neben den Rechten und Pflichten des Klosters tragen die Schwestern auch die ganz normalen Verantwortungen als Bürgerinnen. So dürfen Ordensfrauen wie jede*r andere wählen - und machen das auch. Auch von der Straßenverkehrsordnung sind sie nicht ausgenommen. Kassiert eine Schwester einen Strafzettel, muss diesen jemand zahlen. "Da muss ich zur Generaloberin gehen und ganz lieb fragen", erklärt Schwester Ida schmunzelnd. Sie selbst kann die Strafe nicht bezahlen. Das liegt daran, dass sie mit ihrer Profess drei Gelübde abgelegt hat: Gehorsam, Armut und Ehelosigkeit. Das bedeutet, dass sie sich an das Kloster bindet, selbst kein Geld haben und keine romantische Beziehung führen oder eine eigene Familie gründen darf. Schwester Ida findet aber nicht, dass das Verbote sind, sie fühlt sich dadurch nicht eingeschränkt. "Ich sperre mich gegen 'darf ich nicht'. Tue ich nicht. Ich habe mich freiwillig für die drei Gelübde entschieden. "


Wie lange gibt es Ordensgemeinschaften noch?

Schwester Ida ist mit 27 die jüngste Frau in ihrer Gemeinschaft. Früher, vor etwa fünfzig Jahren, hätte das noch ganz anders ausgesehen. Eine ihrer Mitschwestern ist damals schon mit fünfzehn Jahren eingetreten, andere waren nicht viel älter. In 1970er Jahren waren Österreichs Klöster noch fast fünfmal so voll wie jetzt. Von 1970 bis 2018 ist die Zahl der Schwestern von knapp 14.000 auf gut 3.000 gesunken. Die Gefahr, keinen der Vorschläge für den Ordensnamen zu bekommen und als Gamelberta bekannt zu werden, ist also nicht mehr besonders groß.

"Sie müssen nicht alles so machen und so sehen, wie ich, und umgekehrt auch nicht."

Dadurch, dass immer wenige junge Novizinnen nachkommen, ist der Altersunterschied zwischen den wenigen jüngeren und der großen Gruppe an älteren Schwestern groß. „Mir macht es gar nicht so viel aus, dass meine Mitschwestern teilweise sehr alt sind. Sie müssen nicht alles so machen und so sehen, wie ich, und umgekehrt auch nicht. Man kann viel von der Lebenserfahrung der alten Schwestern lernen und sie lernen von uns jungen hauptsächlich, wie man mit dem Handy umgeht.“ Dass das Kloster ganz aussterben wird, glaubt sie aber nicht. Sie erzählt von der jungen Kirche, den begeisterten Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die für ihren Überzeugung brennen. Die blühende Zukunft des christlichen Glaubens ist für sie so sicher wie das Amen in der Kirche.