gleich ≠ gleich: Diskriminierung im Schulalltag

Gleiche Chancen für alle Kinder, gleiche Möglichkeiten zum Erfolg für alle Bevölkerungsgruppen. Was sich nach einer wünschenswerten Realität anhört, bleibt bisher ein abstrakter Gedanke, eine weitentfernte Wunschvorstellung. Doch woran liegt das und wie kann sich das Schulsystem einer Bildungsgerechtigkeit annähern?

TEXT: DENISE MEIER

VIDEO, FOTOS: EDITH GINZ

GRAFIKEN, MITARBEIT: CHIARA SWATON ILLUSTRATION: CARLA MÁRQUEZ


Edin hat einen ernsten Gesichtsausdruck, als er vor seiner alten Schule sitzt. Er atmet tief durch, bevor er mit einem unsicheren Lächeln zu sprechen beginnt. „Mein Name lautet Edin Cajlakovic, ich bin 18 Jahre alt, ich habe in meinem Leben sehr viel Ungerechtigkeit erlebt.“ Edin erzählt eine Geschichte über Diskriminierung und Rassismus – seine Geschichte. Pascal hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Seit er klein ist, ist er dem Rassismus in der Gesellschaft und im Schulwesen ausgesetzt. Die beiden sprechen über ihre persönlichen Erfahrungen mit Bildungsgerechtigkeit - oder Bildungsungerechtigkeit.




Je höher der Bildungsgrad der Eltern, desto höher ist der Bildungsgrad ihrer Kinder. Bildung wird hierzulande vererbt, das heißt über die Zukunft des Kindes entscheidet in den meisten Fällen der sozioökonomische Status der Eltern. Dieser ergibt sich aus Faktoren wie Herkunft, Ausbildung oder Einkommen. Wenn die Eltern von Katharina einen Hochschulabschluss in der Tasche haben, dann stehen die Chancen bei 57 Prozent, dass sie ebenfalls die Uni abschießen wird. Hätten ihre Eltern zuletzt die Pflichtschule abgeschlossen, so würden Katharinas Chancen auf einen Hochschulabschluss auf sieben Prozent schrumpfen.

„Diskriminierung ist in der Gesellschaft alltäglich und macht keinen Halt vor den Schultoren."

Chancengleichheit würde bedeuten, dass es keinen Unterschied macht, ob Katharinas Eltern studiert, eine Lehre gemacht oder die Pflichtschule abgeschlossen haben. Es würde auch heißen, dass es egal wäre, ob sie Katharina oder Jelena heißt. Ein Land, in dem absolute Chancengleichheit herrscht, gibt es nicht. Österreich liegt im OECD-Vergleich unter dem Durchschnitt, das heißt, hier hat der sozioökonomische Status einen größeren Einfluss auf die Kinder als in anderen Ländern. Die OECD ist die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Sie bietet internationale Vergleichsmöglichkeiten, führt zum Beispiel die PISA-Studie durch, und gibt Politikempfehlungen. Während sich die Mehrheit der OECD-Mitgliedsstaaten in den Jahren zwischen 2006 und 2015 einer Gerechtigkeit im Bildungssystem angenähert hat, ist in Österreich diesbezüglich die Zeit stehengeblieben.



Es beginnt schon vor dem Kindergarten


Lehrkräfte an den Oberstufen klagen über die schlechte Arbeit der Mittelschullehrer*innen, welche sich über das Lehrpersonal in den Volksschulen beschweren. Diese wiederum suchen die Schuld in den Kindergärten. Tatsächlich muss aber viel früher angesetzt werden. Schon die Betreuung in der frühesten Kindheit, also bei Kindern unter drei Jahren, hat Einfluss auf den Bildungsweg des Kindes, auf seine Lern-, Sprach-, und sozialen Fähigkeiten. Die Unterschiede, die dabei in den verschiedenen Familien bei den unterschiedlichen Kindern entstehen, müssen im Kindergarten ausgeglichen werden.


In einem verpflichtenden Kindergartenjahr, wie es in Österreich der Fall ist, ist das aber kaum machbar. „Wir können in den fünf Stunden im Kindergarten nicht ausgleichen, was daheim fehlt“, zitiert die Lehrerin und Journalistin Melisa Erkurt in ihrem Buch Generation Haram einen Kindergartenpädagogen. Seit 2010 gibt es in Österreich das verpflichtende Kindergartenjahr, ein Schritt in Richtung Chancengleichheit beim Start in die Schulzeit. Seither herrscht aber Stillstand. Fragt man das Kindergartenpersonal, sprechen sich viele für ein zweites oder sogar drittes verpflichtendes Jahr aus.


Es fehlt aber nicht nur an Zeit, sondern auch an Personal. EU-Länder investieren im Durchschnitt ein Prozent ihrer Wirtschaftsleistung in Kindergärten. Österreich gibt dafür ein Drittel weniger aus. Zwischen den Erziehungs- und Betreuungsaufgaben und dem verpflichtenden Testen der Fähigkeiten der Kinder ist es den Kindergartenpädagog*innen fast unmöglich, diese Fähigkeiten überhaupt zu vermitteln. Eine einzelne Pädagogin ist für 25 Kinder verantwortlich, schlichtet Streitereien, bereitet die Jause vor oder geht mit den Kindern aufs Klo. Für Kinder mit Förderbedarf bleibt – wenn überhaupt – wenig Zeit, für Kinder ohne Förderbedarf oft gar keine. Dadurch werden viele einfach bis in die Volksschule „mitgeschleppt“.

„Mitgeschleppte“ Kinder

In der Volksschule hört das „mitschleppen“ nicht auf. In Österreich ist die Volksschule als Halbtagsschule gestaltet, das heißt, die Kinder sind am Nachmittag im Regelfall zuhause. Damit wird auf die aktive Mitarbeit der Eltern gezählt. Das Schulsystem geht davon aus, dass sie sich zuhause mit dem Kind beschäftigen, üben, Defizite ausgleichen. Das ist aber nicht immer der Fall. Viele Eltern kennen sich ab einem gewissen Punkt nicht mehr mit dem Stoff aus, können sich aber auch keine Nachhilfe leisten. „Und das ist dann ein Punkt, wo’s so weit geht, dass deine Noten, dein Bildungsgrad, ob du weiterkommst, ob du aufsteigst oder nicht, schlussendlich ob du maturierst, dementsprechend ein Großteil deines Lebens, schon so früh vom Geld deiner Eltern abhängig ist", erklärt Pascal Unger, stellvertretender Landesschulprecher der AHS Wien und Mitglied der Aktion Kritischer Schüler_innen. Seine Mutter kommt aus Korea, er selbst kennt Rassismus im Schulalltag aus eigener Erfahrung. Er weiß: „Diskriminierung ist in der Gesellschaft alltäglich und macht keinen Halt vor den Schultoren."

Pascal begegnet Rassismus täglich, in der Schule und im Alltag


Wenn im Unterricht über Asien gesprochen wird, richten sich die Augen auf Pascal. Zum ersten Mal ist Pascal in der Volksschule mit Rassismus in Berührung gekommen. „In so jungem Alter die ersten Erfahrungen mit Rassismus zu machen, in der Schule mit Freunden, wo man sich eigentlich wohlfühlen sollte, wo man sich gut entfalten können sollte, ist ganz, ganz schlimm für mich und ich glaub‘ für alle.“


Wenn Diskriminierung System hat

Die oben genannten Zahlen und Fakten gelten für die gesamte österreichische Bevölkerung, sagen aber noch nichts darüber aus, welchen Einfluss Merkmale wie Herkunft, Geschlecht und Migrationshintergrund nehmen. Max hat eine andere Aufstiegswahrscheinlichkeit als Katharina und beide haben andere Chancen als Jelena und Murat. Die Diskriminierungen, die die Kinder durch die Zugehörigkeit zu diesen Gruppen erfahren, überschneiden und verstärken sich in der Benachteiligung. Natürlich bleiben auch bei absoluter Chancengleichheit individuelle Unterschiede im Lernerfolg. Ziel sollte aber sein, dass diese nicht in Abhängigkeit von mitgebrachten Faktoren entstehen.

„Ich habe das Gefühl, dass ich doppelt so viel Leistung erbringen muss, damit ich gleich beurteilt werde wie die anderen.“

„Das eigentlich Problematische im Bildungssystem ist ja, wenn Lehrpersonen Schülerinnen diskriminieren, weil das ist dann hierarchisch schwierig, da was dagegen zu sagen. Du bist ja abhängig von der Lehrperson.“ Was Pascal sagt, ist direkt aus der Realität geholt. Sozioökonomisch benachteiligte Kinder, Kinder mit Migrationshintergrund, wie auch Edin, kennen diese Situationen aus ihren eigenen Klassenzimmern. Edin ist das Kind bosnischer Eltern, hat im letzten Jahr maturiert und studiert Jus. Er ist engagiertes Mitglied der NEOS. In seiner Schulzeit waren Rassismus und Diskriminierung allgegenwärtig.


Edins Lehrerinnen und Lehrer haben ihm nicht zugetraut, die Matura zu schaffen. Jetzt studiert er Jus

„Ich habe das Gefühl, dass ich doppelt so viel Leistung erbringen muss, damit ich gleich beurteilt werde wie die anderen. Während die anderen auf Standby sind, muss ich 100 Prozent geben, vielleicht sogar 150.“ Damit ist Edin nicht allein. Viele Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund erleben diesen Leistungsdruck. Es ist ein Teufelskreis: Lehrende erwarten von Kindern mit Migrationshintergrund schlechtere Leistungen als von autochthonen Österreicherinnen und Österreichern. Das führt dazu, dass Murats Lehrerin seine Schularbeit schlechter bewertet als die von Max, obwohl sie die gleichen Fehler machen. Das benachteiligte Kind verliert dadurch oft an Motivation und schneidet in unabhängigen Studien zum Lernerfolg schlechter ab. Lehrpersonen sehen sich in ihrem Vorurteil bestätigt.

„Viele Leute so wie du machen eine Lehre“

Mit „Leute so wie du“ hat Edins Lehrerin Jugendliche mit Migrationshintergrund gemeint. Jugendliche, die nicht in urösterreichischen Haushalten aufgewachsen sind und nicht nur Deutsch sprechen. Genau diese Mehrsprachigkeit wird ihnen oft zum Verhängnis. So traut die Lehrerin Murat eben keine so gute Note zu wie Max, weil er ja offensichtlich nicht so gut Deutsch kann. Häufig hat der Umgang mit der Mehrsprachigkeit in der Schule einen schlechten Einfluss auf die Einstellung der Schülerinnen und Schüler zur deutschen Sprache. Bei Max wird Legasthenie diagnostiziert, Murat hat ein Problem mit der Sprache. Jelenas Lehrer rät ihr, sich nicht mit Mädchen anzufreunden, die ihre Erstsprache sprechen, sonst würde sie nie Deutsch lernen.


Mehrsprachigkeit hat aber absolut keinen negativen Einfluss auf schulische Leistungen, im Gegenteil. Wenn sie frühzeitig gefördert wird, wirkt sie sich positiv auf Fähigkeiten wie Konzentration, Flexibilität und Lesefähigkeit aus. Auch neue Sprachen lassen sich leichter lernen. Mehrsprachige Kinder haben dadurch langfristig Lernvorteile – und sind im späteren Leben sogar weniger anfällig, an Alzheimer zu erkranken. Ohne die Förderung der Mehrsprachigkeit steigt das Risiko, dass die Schülerinnen und Schüler in beiden Sprachen keine hohe Kompetenz erlangen.



Gleiche Chancen durch Diversität

Was man dagegen machen kann? „Ein einfaches Unternehmen würde nicht reichen, weil‘s strukturell bedingt ist. Es ist schon ein Problem, dass man abgestempelt wird von den Lehrern. Dieses ‚Wer bist du schon?‘“, erklärt Edin. Die eine Lösung gibt es also nicht, es gibt aber einige Probleme. Ein großes davon ist das österreichische Schulsystem an sich, das beweisen auch Studien wie die PISA-Studie. Sie zeigt: Die Wissenskluft innerhalb der Schüler*innenschaft ist groß, die soziale Mobilität dafür gering. Pascal erklärt:

„Kinder von Arbeiter*innen haben ja nicht in den Genen, dass sie schlechter in der Schule sind, sondern sie werden vom System nicht aufgefangen. Das lässt den Unterschied zwischen Österreicherinnen und Österreichern und Migrantinnen und Migranten, zwischen Geringverdienern und Vielverdienern, einfach noch größer werden“


Eine Eigenheit des österreichischen Schulsystems, die diesen Unterschied fördert, ist die frühe Trennung der Schülerinnen und Schüler in AHS und NMS. Die große Entscheidung steht schon im Alter von zehn Jahren an. Das ist im internationalen Vergleich extrem früh, nur Deutschland ist genau so früh dran. „Mit dieser frühen Differenzierung nach der Volksschule wird dein ganzes Leben bestimmt. Diese frühe Differenzierung basiert vor allem auf Noten. Das Problem ist aber, dass Noten eben nicht objektiv sind, sondern von Lehrpersonen gegeben werden, die subjektiv entscheiden“, betont Pascal. Die Kinder lernen also nur vier Jahre lang gemeinsam, bevor sie kategorisiert werden. Studien zeigen jedoch: Je durchmischter die Klassen, desto größer sind die Lernerfolge benachteiligter Schüler. In Österreich sind die Klassen überhaupt nicht durchmischt. Würde man die sozial schwächsten zwanzig Prozent der Schüler*innen auf alle Klassen aufteilen, müsste fast die Hälfte dieser Kinder Klassen wechseln.

Privatschulen fördern eine Zweiklassenbildung


Trotzdem kämpfen Eltern, die es sich leisten können, um heiß begehrte Privatschulplätze. Jedes zehnte Kind geht Österreich durchschnittlich zur Privatschule, in Wien sind es doppelt so viele. Es könnten noch viel mehr sein, wäre das Angebot nicht so begrenzt. Eltern melden teilweise Neugeborene für die private Volksschule an, so lange sind die Wartelisten, und tragen somit einen großen Teil zum Auseinanderdriften der Gesellschaft bei, zum Abdriften in eine Zweiklassenbildung.


Der Schlüssel zum Erfolg für alle Schüler, beschließt Melisa Erkurt in ihrem Buch, ist eine gut durchmischte Ganztagsschule. Durchmischt nicht nur innerhalb der Schüler*innenschaft, sondern auch ein diverses Lehrkollegium ist nötig. Ein Netz aus Sozialarbeit und Schulpsychologie hilft Lehrkräften, sich auf den Unterricht und das Fördern zu konzentrieren. Ganztagsschule deshalb, weil so die Defizite, die in bildungsfernen Familien entstehen, ausgeglichen werden können. Eine Gefahr dabei sei es, „Problemschulen“ und „Boboschulen“ zu erschaffen. Das dürfe nicht passieren: Die Durchmischung macht’s. Alleine deshalb schon, weil die „Boboeltern“, wie Erkurt in ihrem Buch schreibt, sicherstellen würden, dass an der Schule nach modernen Erkenntnissen gehandelt werde.

Chancengleichheit vs. Chancengerechtigkeit

Chancengleichheit – das hört sich doch eigentlich fair an. Ist es aber wirklich fair, wenn Katharina und Max genau die gleichen Ressourcen bekommen wie Murat und Jelena? Wenn Kathis Eltern studiert haben und Max‘ Eltern sich die Nachhilfe locker leisten können, während Murat und Jelena nachmittags alleine lernen müssen? Haben sie dann wirklich die gleichen Chancen?


Die Arbeiterkammer sagt nein. Deshalb hat sie den Chancenindex entwickelt. Er bestimmt, wie viel Förderbedarf eine Schule hat. Dabei werden Kriterien wie der durchschnittliche Bildungsabschluss der Eltern und die Alltagssprache der Kinder berücksichtigt. Aus den Einzelwerten ergibt sich ein Gesamtwert für die Schule, der zwischen 100 bei geringem Förderbedarf und 180 bei hohem Förderbedarf liegt. Schulen mit höherem Förderbedarf werden zusätzliche Ressourcen in Form von Lehrkräften, Sozialarbeiter*innen, administrativen Hilfskräften oder Psycholog*innen zugesprochen. Dabei entscheidet jede Schule, welche Form der Hilfe sie in Anspruch nimmt. Was sich anhört, wie ein innovativer Lösungsweg, wird in der Praxis noch nicht umgesetzt. Es ist lediglich ein Pilotprojekt mit 100 Schulen geplant.


„Zu zeigen, dass man nicht alleine ist, dass auch Menschen ohne Migrationshintergrund das nicht cool und nicht okay finden.“

Pascal gibt einen wertvollen Tipp, wie jede*r Einzelne etwas gegen Diskriminierung unternehmen kann. Er wünscht sich, dass Menschen, die nicht davon betroffen sind, auf Betroffene zugehen. Denn so verschieden die betroffenen Menschen sind, so unterschiedlich sind auch die Arten, wie sie damit umgehen möchten. „Aufstehen gegen Rassismus, vor allem im öffentlichen Raum, in der Straßenbahn, Zivilcourage leisten, wenn man das erlebt, das hilft immer sehr. Zu zeigen, dass man nicht alleine ist, dass auch Menschen ohne Migrationshintergrund das nicht cool und nicht okay finden.“ Selbst wenn es aber statt Diskriminierung und Rassismus gleiche Chancen für alle Kinder an Österreichs Schulen geben könnte, wichtig ist die gerechte Verteilung dieser Chancen. Und selbst wenn dieser Gedanke weitergedacht wird, kann er nur von der Bildungspolitik umgesetzt werden.

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