"HIV wieder in der Wahrnehmung verankern"

Von HIV und AIDS betroffene Personen müssen nach wie vor Ausgrenzungs- und Diskriminierungserfahrungen machen. Neben dem Test- und Beratungsangebot fungieren die AIDS-Hilfen Österreichs auch als Meldestelle für Diskriminierungen. Andrea Brunner, Geschäftsführerin der Aids Hilfe Wien, spricht über gesellschaftspolitische, organisatorische und epidemiologische Ziele.


TEXT & AUDIO: LOUIS EBNER


Menschen, die Diskriminierung aufgrund ihrer HIV-Infektion erfahren, können sich anonym bei den AIDS-Hilfen Österreichs melden oder sie zur Intervention auffordern. “Wenn es um eine*n Arbeitgeber*in oder eine Gesundheitseinrichtung geht, versuchen wir, mit ihr Kontakt aufzunehmen und das Problem auf diesem Weg zu lösen“, erklärt Andrea Brunner, Geschäftsführerin der Aids Hilfe Wien. In den meisten Fällen sei diese Form der Intervention bereits erfolgreich. Sollte das nicht funktionieren, wird die Schlichtungsstelle im Sozialministerium zugezogen. Im Jahr 2019 wurden den AIDS-Hilfen Österreichs wurden 36 Fälle von Diskriminierung gemeldet. Diese fanden zum überwiegenden Teil im Gesundheitsbereich statt.


Wie hoch die tatsächliche Zahl von Diskriminierungen aufgrund des HIV-Status ist, sei schwer zu sagen. “Es ist anzunehmen, dass die Dunkelziffer ziemlich groß ist“, so Andrea Brunner. Die Aids Hilfe Wien könne sich aber auch an den Zahlen anderer Meldestellen orientieren, da Diskriminierung gegen HIV-positive Personen oftmals mit Diskriminierung aufgrund anderer Merkmale verbunden sei. “Das bedeutet, eine Person wird diskriminiert, weil sie zum Beispiel homosexuell und HIV-positiv ist. Es kommt also zu Mehrfachdiskriminierungen“, so Andrea Brunner. Ziel der Aids Hilfe Wien sei es, Bewusstseinsarbeit zu HIV und AIDS in allen Bereichen zu leisten.


Durch medikamentöse Therapie ist es heute in vielen Teilen der Welt möglich, trotz HIV ein Leben ohne Einschränkungen zu führen. Dafür ist eine frühe Diagnose ausschlaggebend. “Es ist ganz wichtig, sich in jeder Lebenslage testen zu lassen. Wenn man relativ bald nach einer Infektion diagnostiziert wird, dann kann man sehr gut medikamentös eingestellt werden und dann eigentlich ein gutes Leben führen“, sagt Andrea Brunner. In unserer Schwerpunktgeschichte erzählen zwei Betroffene, Axel Wedler und Michael Hofbauer, wie sie ihre Diagnosen erhalten haben und teilen ihre unterschiedlichen Erfahrungen.


Die Österreichische Aids Gesellschaft schätzt, dass jede zehnte HIV-positive Person nicht von ihrer Infektion weiß. Andrea Brunner nennt diese Gruppe "Late Presenter". Es ist wichtig, den eigenen Status zu kennen, um andere und sich selbst schützen zu können. Je später die Infektion nämlich festgestellt werde, desto herausfordernder sei die Behandlung. Genau diese Gruppe der "Late Presenter" versucht die Aids Hilfe Wien im Rahmen einer neuen Kampagne direkt bei Allgemeinmediziner*innen zu erreichen.


Andrea Brunner erzählt im Gespräch von den Lebensrealitäten HIV-positiver Personen und den Zielen der Aids Hilfe Wien


UNAIDS, das gemeinsame Programm der Vereinten Nationen für HIV und AIDS, hat ein Ziel zum Beenden der HIV-Epidemie bis 2030, das 90-90-90-0-Ziel, formuliert. Es schreibt vor, dass 90 Prozent aller mit HIV infizierten Personen ihren Status kennen sollen. Von diesen müssten 90 Prozent eine entsprechende Therapie erhalten. Diese Therapie soll die Viruslast von 90 Prozent dieser Personen so niedrig halten, dass sie das Virus nicht weitergeben können.


Im Jahr 2020 wurden in Österreich laut Andrea Brunner 332 HIV-Infektionen diagnostiziert. Im Jahr davor waren es fast hundert mehr, nämlich 430 Neudiagnosen. Andrea Brunner begründet das damit, dass im Corona-Jahr weniger Menschen zu ihren Ärzt*innen gegangen seien.

Für Menschen, die von HIV betroffen sind oder glauben, es zu sein, gibt es viele Anlaufstellen. Auch wenn du dich nur vorsorglich testen lassen möchtest, gibt es Stellen, an die du dich wenden kannst.

  • AIDS-Hilfen Österreichs: Die AIDS-Hilfen Österreichs bieten neben kostenlosen und anonymen HIV-Labortests auch Beratung für Betroffene und deren Vertrauenspersonen. Hier können sich auch Menschen ohne e-card testen lassen. Außerdem kannst du als Betroffene*r hier Diskriminierungen melden.

  • Positiv arbeiten: Die Initiative "Positiv arbeiten" setzt sich gegen die Diskriminierung von HIV-Betroffenen am Arbeitsplatz ein. Für Arbeitgeber*innen gibt es eine Deklaration, die sie unterzeichnen können, um Ihre Offenheit und Solidarität gegenüber Betroffenen zu zeigen.

  • Infoseite des Gesundheitsministeriums: Dort findest du neben Infos zur Verbreitung von HIV auch eine Liste mit österreichweit allen Anlaufstellen für HIV-Screenings.

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Personen mit einer HIV-Diagnose können heute ein völlig normales Leben führen. Doch noch Mitte der 90er Jahre galt eine HIV-Infektion als Todesurteil. Was hat sich seitdem verändert? amrand.at hat sich die medizinischen Hintergründe von HIV angesehen und mit zwei Betroffenen gesprochen. Sie geben einen Einblick in ihr Leben mit HIV.

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