Im und vom Müll leben

Ein Schluck Eistee macht ein Kind glücklich, die Toilette dient gleichzeitig als Dusche.

25 Leute schlafen in zwei Kammern am Boden. Ich war vor Corona einen Tag in Istanbuls Slums unterwegs.


TEXT & FOTOS: RONNY TAFERNER


Jänner 2020, ein Mittwoch: fünf Grad und regnerisch – für türkische Verhältnisse eher kalt. Ich bin in Bomonti in der Millionenstadt Istanbul auf der europäischen Seite, ein Slum direkt neben einer vielbefahrenen Straße. Alte, verfallene Hütten, Müll ohne Ende und menschenleere Straßen. Fast schon gespenstisch, so einsam wie es hier ist. Die einzigen Begegnungen gibt es mit Straßenkatzen, die angelaufen kommen und um Futter betteln.


Ein alter Herr mit grauem Bart und dichten Augenbrauen gräbt im Müll. Langsam und gebrechlich bewegt er sich fort. Immer fest auf seinen Gehstock gestützt, um nicht zu fallen. Direkt neben ihm ein Sack voller Plastikflaschen. Diese bringen ihm Geld.


Mit Müllsammeln verdient er sein Geld. Vor allem Plastikflaschen sind wertvoll.



Schüchtern späht ein knapp fünfjähriges Mädchen, dick eingehüllt in mehrere Kleidungsschichten, aus dem Eingang einer heruntergekommenen Hütte. Statt einer Tür verdeckt ein Teppich den Eingang. Eine Frau mit zwei Kindern sitzt in dem Zimmerchen. Rauch tritt aus dem Ofen und füllt die Luft mit dichtem grauen Nebel. Die Einrichtung: Eine Couch, ein Ofen und ein paar Decken. Wasser und Strom gibt es nicht. Kommunizieren ist nur mit Händen und Füßen möglich, denn Englisch spricht hier niemand. Ich kann herausfinden, dass die Mutter hier mit ihren drei Kindern lebt. Vater gibt es keinen mehr.


Slideshow: Die Mutter lebt in dieser Hütte mit ihren drei Kindern. Wasser und Strom gibt es nicht.



Die Kinder sind zuneigungsvoll und aufgeweckt. Sie begutachten meine Kamera. Da kommt der ältere Bruder mit einer Flasche Eistee. In den Augen der Kinder etwas sehr Besonderes. Die Geschwister nehmen einen Schluck aus der Verschlusskappe und lecken sich die verbliebenen Tropfen von der Zunge. Gemeinsam gehen wir zu einem kleinen Markt in der Nähe, wo sich die Kinder Süßigkeiten aussuchen dürfen. Sie lachen und quietschen, als sie die Packung Gummiwürmchen öffnen. Für sie sind die kleinen bunten Klumpen das größte Geschenk.


Der kleine Bruder bekommt von seinem großen Bruder einen Schluck Eistee. Die Kinder spielen mit den Gummiwürmern.



Mein Hals beginnt zu kratzen. Der permanente Rauch aus dem Ofen macht sich spürbar. Wie können die Kinder hier nur schlafen und leben, ohne husten zu müssen?


Istanbul - eine Stadt der Gegensätze. Eine Stadt, in der Arm und Reich Tür an Tür leben. Keine 50 Meter vom Slum in Bomonti ragen zwei Hochhäuser in den Himmel: Luxusapartments auf 54 Stockwerken. Dabei leben rund 1,7 Millionen Menschen in Istanbul von weniger als 3,40 Euro pro Tag. Sie hausen in Hütten, die jeden Moment drohen auseinanderzufallen. Die Arbeitslosigkeit ist hoch; viele schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durch, die Mietpreise steigen ständig. Vor allem syrische Flüchtlinge leiden unter der sozialen Ungleichheit und leben in Armut.


Hochhäuser mit Luxusapartments thronen über den Slums. Straßenkatzen laufen durch die Gassen.



Ich gehe weiter durch die menschenleeren Gassen. Vereinzelt nehme ich schüchterne Blicke aus Fenstern wahr. Da kommt mir plötzlich ein kleines Mädchen entgegen. Obwohl ich kein Wort verstehe, ist mir klar, was sie will: Ich soll ihr folgen. Wir gehen vorbei an Hütten, wo Plastikfolien Fensterscheiben ersetzen, Müllteile die Löcher in der Wand stopfen und Eisenschrott auf den Dächern die kaputten Ziegeln bedeckt. Wir treffen ihren Bruder und sie führen mich zu ihrem Haus. Als ich die Tür öffne, bleibt mir kurz der Atem weg: 25 Leute sitzen auf dem Boden in einem kleinen Raum und trinken türkischen Tee. Mein Unwohlsein verschwindet sofort, als sie mich mit einem freundlichen Lächeln und Handschlägen begrüßen und mir eine Tasse Tee anbieten. Obwohl sie selbst fast nichts haben, sind sie äußerst gastfreundlich. Sie geben mir an diesem Nachmittag das Gefühl, Teil der Familie zu sein.


Slideshow: So lebt eine Großfamilie mit 25 Leute in einem Slum von Istanbul.


Vor sieben Jahren zog die Großfamilie vom Südosten der Türkei an der Grenze zu Syrien nach Istanbul, um Arbeit zu finden. Heute lebt sie vom Müllsammeln und teilt sich zwei Zimmer: 11 Erwachsene, 14 Kinder; vier von ihnen gehen zur Schule. Den Großteil ihres Einkommens gibt die Familie für Wasserkanister aus. Geduscht wird prinzipiell kalt – manchmal erwärmt ein Heizstab eine Wassertonne. Die Dusche dient gleichzeitig als WC.


Ein dreijähriges Mädchen reicht mir ihre Puppe zum Streicheln. Quirlig springt der Bursche im Spiderman-Pullover mit einem kleinen Spielzeugauto herum. Zwei Mädchen präsentieren ihre selbstgezeichneten Bilder mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Kein Besitz und tagtägliches Kämpfen ums Überleben. Das Lachen haben sie trotzdem nicht verlernt.

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