Wien nach dem Terror

Der Terroranschlag vom zweiten November hat die Stadt und ihre Bewohner*innen hart getroffen. Aber die Wiener*innen lassen sich nicht unterkriegen. Mit Kerzen und Blumen gedenken sie den Opfern und setzen ein friedliches Zeichen gegen Gewalt. Eine Fotoreportage.


FOTOS & TEXT: JULIA PABST

Am zweiten November um 20:00:48 Uhr geht der Notruf ein: „Schüsse in der Seitenstettengasse“ . Ein IS-Sympathisant schießt mit einem Sturmgewehr Zastava M70 wahllos auf Passant*innen. Neun Minuten später heißt es im Polizeifunk: „Anhaltung eines Täters mit STG 77.“ Die Einsatzkräfte haben den Mann erschossen. Die Bilanz: Vier Tote und 23 Verletzte.


Was der Täter bezwecken wollte? Die Strategie des IS ist es, mit Terroranschlägen Angst zu verbreiten, Hass gegen Muslima*s zu schüren und die westliche Gesellschaft zu spalten.


Mittwoch, vierter November: Fassungslosigkeit


Zwei Tage nach dem Anschlag liegt eine betretene Stille über der Stadt. Die Behörden haben die Bevölkerung am Vortag aus Sicherheitsgründen dazu aufgefordert, Zuhause zu bleiben. Entsprechend wenige Menschen haben bisher die Gedenkstätte besucht. Polizist*innen bewachen die Seitenstettengasse, während ein Müllmann die letzen Scherben zusammenkehrt. Neongelbe Markierungen am Boden und die ersten Kerzen erinnern an die Bluttat.



Am Desider-Friedmann-Platz haben Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Bundeskanzler Sebastian Kurz und Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka drei Kränze niedergelegt. Zwei Militärpolizisten beobachten die Umgebung, ein Postler schiebt Pakete auf einem Lastenwagerl päppelnd über die Pflastersteine. Internationale Korrespondent*innen fotografieren und filmen die Szene.



Ein volles Glas Rotwein und eine kaum angerührte Suppe stehen verlassen an einem hinteren Tisch in der Salzgasse. Scherben von umgestoßenen Gläsern sind am Boden verstreut. Auf einem Metalltisch am Ruprechtsplatz steckt eine Flasche Weißwein in einem Kühler voll geschmolzener Eiswürfel. Das Bier daneben ist abgestanden und warm.



Die Ruprechtsstiege hinunter, vor dem Jazzland, prangen dutzende gelbe und pinke Markierungen am Asphalt. Die Glastür des asiatischen Imbissladens an der Ecke Schwedenplatz, Rabensteig zählt sechs Schusslöcher. Fährt ein Rettungswagen vorbei, schrecken an diesem Morgen nicht nur die Vögel zusammen.



Am Schwedenplatz geht das normale Leben weiter – fast. Der Blumenladen am U-Bahnaufgang verkauft besonders viele weiße Rosen, die Titelblätter der Zeitungen am Kiosk sind schwarz gefärbt. Die Schritte der sonst so hektischen Wiener*innen schlürfen heute schwerer als sonst über den Asphalt.



Donnerstag, fünfter November: Trauer

Die Bundesregierung hat in einer Sondersitzung des Parlaments eine dreitägige Staatstrauer beschlossen. An öffentlichen Gebäuden wiegen Trauerflaggen im Wind, offizielle Fahnen stehen auf halbmast. „Die Republik Österreich war, ist und wird immer eine Nation der Vielfalt, des Dialoges und des Respektes füreinander sein, umso mehr haben die Ereignisse vom zweiten November unser Land schwer erschüttert und betroffen gemacht“, heißt es in dem Regierungsbeschluss.



Im Drogeriemarkt auf der Rotenturmstraße sind bereits um 11 Uhr vormittags alle Grablichter ausverkauft. Die Verkäufer*innen raten stellvertretend zu roten Duftkerzen; an der Kassa kletzeln sie die bunten Aufkleber vom Glas. In der Seitenstättengasse verdecken Blumenkränze, Rosen und Gedenklichter immer mehr Bodenmarkierungen der Polizei.



Männer mit bodenlangen weißen Kleidern, Frauen mit Kopftüchern und Polizist*innen mit eingesteckten Waffen tummeln sich am Desider-Friedmann-Platz. Imame und Religionslehrer der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) bilden einen Halbkreis um das über Nacht angewachsene Kerzenmeer. Ihnen gegenüber ist eine Horde an Journalist*innen und Kameraleuten versammelt, die ihre Gedenkreden aufzeichnen. Am anderen Ende des Platzes, auf der Seite der Jerusalemstiege, beobachtet ein rot gekappter Militärpolizist das Geschehen.



Neben dem Trubel knien zwei junge Frauen am Boden und wollen gemeinsam eine Kerze anzünden. Die eine formt mit ihrer Hand einen Windschutz, die andere hält das Feuerzeug an den Docht. Die Flamme des Feuerzeugs blitzt nur kurz auf, bevor sie wieder verlischt – das Gas ist aufgebraucht. Eine ältere Dame lehnt sich nach vorne und drückt den Frauen ihr Feuerzeug in die Hand. Wieder versuchen die beiden die Kerze anzuzünden, aber auch diese Flamme fängt kein Gas. Eine dritte Frau weiter hinten in der Reihe schaltet sich ein und reicht ein weiteres Feuerzeug zu den Frauen am Boden. Diesmal klappt es – die Kerze brennt.



Samstag, siebter November: Ruhe

Um zehn nach acht ist Ruhe am Fleischmarkt eingekehrt, es herrschen Corona-Ausgangsbeschränkungen. Vereinzelte Passant*innen halten am Heimweg an der Gedenkstätte. Die Kerzen flackern im Dunkeln, das orange Licht erhellt die Gesichter der Trauernden.



"Pray for Kabul and Vienna", "Say no to terrorism", "Terrorism has no Religion", steht in fetten Druckbuchstaben auf drei weißen A4-Blättern. Sie erinnern daran, dass bei einem Anschlag auf die Universität der afghanischen Hauptstadt ebenfalls am zweiten November mindestens 22 Menschen getötet wurden. Die Täter hatten die Universität gestürmt und wahllos auf Studierende geschossen. Es dauerte mehrere Stunden, bis die Sicherheitskräfte alle Angreifer ausgeschalten hatten. Erst wenige Tage zuvor hatte die Terrororganisation IS eine Schule in Kabul angegriffen.


"Schleich di!! Oaschloch", steht auf einem in Klarsichtfolie gehüllten Zettel, der am Gitter direkt neben den drei offiziellen Gedenkkränzen hängt. Es ist das vermeintliche Zitat eines Anrainers, das in einem Video vom Anschlag zu hören ist. #schleichdiduoaschloch wird zum inoffiziellen Hashtag einer Solidaritätsbewegung auf Social Media. Der Hashtag beschreibt pointiert und wienerisch direkt die Lebensphilosophie einer Stadt, die sich niemals unterkriegen lässt. Zwei Meter neben dem Schild nippt ein älterer, grauhaariger Herr an seinem Dosenbier.



Auch in der Nacht hält eine Zwei-Mann-Patrouille Wache. Sie streift von der Ruprechtsstiege zur Jerusalemstiege und wieder zurück; immer wieder; hin und retour. Ein grünes Schild an der Tür eines Beisls mahnt Ruhe ein, es erinnert daran, dass es im Bermudadreieck selten so still ist wie heute Abend.



In der Seitenstettengasse hat die Familie eines Verstorbenen einen kleinen Altar aufgebaut: Vor zwei Gedenktafeln und neben einem brennenden Teelicht lehnt ein handgemaltes Bild. Es zeigt, wie der Attentäter auf einen jungen Mann zielt; das Opfer trägt Engelsflügel.



Am sonst so belebten Rabensteig sind die Stühle übereinander gestapelt und die Tische hochgeklappt. Vor dem chinesischen Imbissladen am Eck zum Schwedenplatz flackern im Gedenken an den verstorbenen Restaurantbesitzer hunderte Kerzen. Ihr Licht wird erlöschen, die durchlöcherte Tür wird ausgetauscht werden und das Lokal wird einen neuen Besitzer finden. Aber die Erinnerung an den zweiten November wird bleiben; die Erinnerung an den Schock und den Zusammenhalt nach der Tat; die Erinnerung an die von vielen geliebten Menschen, die an diesem Abend ihr Leben verloren haben.



Im Gedenken an die Opfer des Anschlags vom zweiten November. Das Team von amrand.at spricht allen Angehörigen sein tiefstes Beileid aus.

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