"Judentum ist mein gesamtes Leben"

Was haben zweifache Küchen mit orthodoxem Judentum zu tun? Marc Uri, der jüdische Leiter des Zwi-Perez-Chajes-Realgymnasiums weiß es: Er spricht über die jüdischen Speisegesetze, über den Schabbat als Digital Detox und über das Bild des Judentums in den Medien.


AUDIO & TEXT: SIRI MALMBORG

REDAKTION: SIRI MALMBORG & DENISE MEIER

FOTO: JULIA PABST


Die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG) ist mit rund 7.000 Mitgliedern die größte jüdische Gemeinde in Österreich. Eines dieser Mitglieder ist Marc Uri. Er ist Religionslehrer und jüdischer Leiter des Zwi Perez Chajes Realgymnasiums, der Schule der IKG. "Das heißt nicht, dass die Schülerinnen und Schüler religiös sind oder dass wir sie religiös machen wollen, sondern wir möchten, dass sie sich als stolze Jüdinnen und Juden in der Diaspora verstehen - in Wien, in Österreich, in Frankreich, in Australien, in Südamerika, in den USA, wo es auch sein mag." Die jüdische Diaspora meint die seit Jahrtausenden andauernde Zerstreuung von Jüd*innen über die ganze Welt. Verschiedene Arten der Verfolgung lösten große Wanderbewegungen aus.



Judentum ist mehr als eine Religion. "Der größte Teil der Mitglieder der Israelitischen Kultusgemeinde sind orthodoxe Jüdinnen und Juden. Das heißt nicht, dass sie religiös sind - der Großteil der Gemeinde ist nicht religiös." Marc Uri allerdings schon. Für ihn gilt die Halacha, das jüdische Gesetz, das beispielsweise besagt, dass nur jene*r Jüd*in ist, wer von einer jüdischen Mutter geboren wird oder zum Judentum übertritt. Das spielt für ihn eine Rolle, weil ihm wichtig ist, dass seine Söhne Jüdinnen heiraten. Marc Uri und seine Familie halten sich außerdem an die Kaschrut, die Speisegesetze. Um koscher zu essen, muss laut den Kaschrut Milchiges und Fleischiges getrennt werden. "Ein Gulasch mit Rahmsoße gibt es daher bei uns nicht.", sagt Marc Uri. Auch in der Küche muss separiert werden. "Wir haben zwei Geschirrspüler, zwei Waschbecken, zwei Backöfen."


Marc Uri steht in einer Straße und lächelt in die Kamera. Er trägt eine dunkelgraue Jacke und eine schwarze Kippa.

Marc Uri lebt mit seiner Familie in Wien. © Julia Pabst


Auch die orthodoxe Einhaltung des Schabbats bedarf spezieller Vorkehrungen. Am höchsten jüdischen Feiertag, der jede Woche von Freitag vor Sonnenuntergang bis Samstag Nacht begangen wird, sind orthodoxen Jüd*innen schaffende Tätigkeiten verboten. Beispielsweise darf nicht gekocht werden, weshalb man die festlichen Schabbat-Mahlzeiten vorbereitet und dann mit einer Wärmeplatte aufwärmt. Die Wärmeplatte ist von einer Zeitschaltuhr gesteuert, denn das aktive Bedienen von Elektizität ist ebenfalls verboten - genauso wie Aktivitäten am Handy oder Computer. "Ein Jugendlicher, der beginnt, den Schabbat entsprechend der Regeln einzuhalten - das ist am Anfang ein bisschen zach." Aber mit der richtigen Einstellung sei der Schabbat ein wöchentlicher Ruhepol, an dem man richtig relaxen könne, so Marc Uri. Während Andere aktiv an Kuren teilnehmen, bei denen sie Abstand von ihren digitalen Geräten nehmen müssen, haben orthodoxe Jüd*innen jede Woche einen Digital Detox.


Auf die Frage, was orthodoxes Judentum für Marc Uri bedeutet, antwortet er: "Es ist mein gesamtes Leben. Es ist nicht nur mein Leben, es ist auch das Leben aller Generationen vor mir und aller Generationen, die nach mir kommen." Für diese Generationen, die noch kommen, wünscht er sich, dass die jüdische Bevölkerung wieder verstärkt als jener aktive Teil der Gesellschaft wahrgenommen werde, der er ist. "Der Fakt, dass wir nicht mehr einen so großen Teil an manchen Bereichen des öffentlichen Lebens haben, ist der Schoah, dem NS-Regime und der Ermordung von in etwa 65.000 österreichischer Juden anzukreiden. Beziehungsweise auch den Folgen, nämlich der Emigration des Wissens und der Kultur." Wichtig sei es, die Normalität des jüdischen Lebens in Wien aufzugreifen. "Irgendwann werden wir hoffentlich dazu kommen, dass das Judentum nicht diesen Sonderstatus hat. Sondern, dass wir als bewusste Jüdinnen und Juden etwas beitragen können und angesehen werden als Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, die hier auch etwas für das Gemeinwohl beitragen. Ganz unabhängig von der Religion."

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Religiös und liberal - das geht auch. Wir waren bei Or Chadasch, der einzigen liberalen jüdischen Gemeinde in Wien und haben mit Bettina über Diversität in der Synagoge, koschere Ernährung und das Ankommen im religiösen Leben gesprochen. Mehr dazu findest du hier.