Meine Welt, deine Welt

Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen über Mechanismen von vereinnahmenden Gemeinschaften, die Auswirkungen auf die Entwicklung von Jugendlichen und was es heißt, sich von so einer Gemeinschaft zu lösen.


TEXT, AUDIO: SANDRA SCHOBER


Esoterik, Neureligionen, Freikirchen, Heiler, Schamanismus, Verschwörungstheorien, Staatsverweigerer die Liste der vereinnahmenden Gemeinschaften ist lang, sie können viele Formen annehmen. Trotzdem verbindet sie eines: ihre sektenartige Struktur. Menschen, die Teil einer solchen Gemeinschaft werden, verändern sich oft sehr schnell. Speziell Jugendliche, die in eine derartige Gruppe hineingeboren werden, haben es besonders schwer, wenn sie sich von ihr loslösen. Nicht selten kommt es nach einem Austritt zum Kontaktabbruch mit der eigenen Familie und allen bisherigen Freunden.


Welche Probleme ergeben sich dadurch langfristig? Was passiert bei einem Kontaktabbruch mit der Familie und allen bisherigen Freunden? Im Rahmen unseres Schwerpunktthemas Zeugen Jehovas haben wir bereits mit Julian gesprochen, der ebenfalls aus seiner Glaubensgemeinschaft ausgetreten ist. Ulrike Schiesser, Psychologin und Psychotherapeutin bei der Bundesstelle für Sektenfragen, erklärt im Interview, welchen Einfluss sektenartige Gemeinschaften auf das Leben und die Psyche von Jugendlichen haben.

Wer weitere Fragen zum Thema hat oder Beratung benötigt, kann sich kostenlos und anonym an die Psychologinnen und Psychologen der Bundesstelle für Sektenfragen (+43 1 513 04 60) oder die Kinder- und Jugendhilfe (Wien: +43 1 4000-8011) wenden.


Die Bundesstelle für Sektenfragen ist eine staatliche Einrichtung, die sich laut eigenen Angaben mit "allen Formen von Konflikten, die im Zusammenhang mit Weltanschauungsfragen entstehen" beschäftigt. Problematische Gemeinschaften seien jene, die ihre Mitglieder vereinnahmen. Das bedeutet: Häufig wird das Individuum und dessen Bedürfnisse zurückgestellt, das wohl der Gemeinschaft steht im Vordergrund. Personen, die in einer solchen Gruppe aufwachsen, lernen daher nie, eigene Bedürfnisse zu benennen und zu äußern.


Ulrike Schiesser

Ulrike Schiesser spricht über vereinnahmende Gemeinschaften und Sekten.


Generationenfrage


Für Jugendliche, die in eine Gemeinschaft hineingeboren werden, ergeben sich zusätzliche Probleme. Eine Jugend voller Verbote und ein Leben, das nur schwarz oder weiß, gut oder böse kennt, wirken sich auch nach einem Austritt auf das Leben junger Erwachsener aus.

Wenn sie aufwachsen in so einer Gemeinschaft sehen sie oft gar nicht, wie unterschiedlich ihre Jugend war im Vergleich zu anderen. Es fehlen manchmal auch die verbindenden kulturellen Brücken zu anderen. - Ulrike Schiesser, Psychologin

Schiesser unterscheidet zwischen der "first generation", also jenen Menschen, die selbst als Erwachsener einer Gemeinschaft beitreten, und der "second generation". Das sind Menschen, die bereits in eine Gemeinschaft hineingeboren werden. Für die "second generation" ist ein Austritt deswegen schwieriger, weil es keine Kontakte vom Leben "davor" – also vor dem Einstieg in die Gemeinschaft – gibt. Für sie gibt es nur das Weltbild, das sie von klein auf vermittelt bekommen haben.


Dass es auch andere Sichtweisen geben kann, müssen sie erst lernen: "Wenn sie aufwachsen in so einer Gemeinschaft, sehen sie oft gar nicht wie unterschiedlich ihre Jugend war im Vergleich zu anderen. Das fällt ihnen oft erst sehr viel später auf, dass sie mit einem ganz anderen Wertekanon und einer ganz anderen Sicht auf die Dinge aufgewachsen sind."


Hinzu kommt, so Schiesser, dass Aussteiger*innen häufig keinen Bezug zu anderen finden, um neue Freundschaften aufzubauen. "Es fehlt manchmal auch die verbindenden kulturellen Brücken zu andern. Und das kann auch sein, dass sie die Serien nicht gesehen haben, die andere gesehen haben, die Bücher nicht gelesen haben."



Schwarz-Weiß-Denken


Neben den Schwierigkeiten, ein neues soziales Umfeld aufzubauen, sind psychische Probleme oft lange Begleiter nach einem Ausstieg. Schamgefühle, Panikattacken und Angst sind häufige Reaktionen. Besonders, wenn Betroffene negative Erfahrungen machen, holt sie das frühere Leben wieder ein.


Schuldgefühle seien ein normaler Prozess, erklärt Schiesser. Denn: Wer aufwächst im Glauben, die Welt außerhalb der eigenen Gemeinschaft sei böse und nur wer sich an alle Regeln halte, sei beschützt, lernt die Schuld immer bei sich selbst zu suchen. Nicht selten erleben Aussteiger*innen auch erst nach Jahren, dass sie zum Beispiel beim Tanzen, Rauchen einer Zigarette oder anderen, in der Gemeinschaft als "böse" und "verboten" angesehenen Tätigkeiten, Panikattacken erleiden. "Das muss nicht beim ersten Mal so sein. Auch nicht beim dritten oder vierten. Manchmal kann das erst beim fünfzehnten Mal so sein", erklärt die Psychologin.


Wichtig sei vor allem, dass Betroffene wissen, dass dieser Prozess völlig normal ist und es auch andere Betroffene gibt, denen es ähnlich ergeht. Hilfreich für die Verarbeitung seien etwa Freund*innen, die einfach zuhören oder Aussteiger*innen-Berichte. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Betroffenen aus der gleichen Gemeinschaft ausgetreten sind. "Die Mechanismen sind immer die gleichen", ergänzt Schiesser.


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