Zurück ins Kinderzimmer: Jugendarbeitslosigkeit in Spanien

24 Jahre jung, den Universitätstitel in der Tasche und bereit für die große weite Welt. Carme packt ihre Koffer und zieht nach vier Jahren aus ihrem Studentenwohnheim aus – nicht in die erste eigene Wohnung, sondern wieder zurück in das Elternhaus.


TEXT: HANNAH LEHNER

ILLUSTRATION: CARLA MÁRQUEZ


Carme teilt dieses Schicksal mit vielen jungen Spanier:innen. Für ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin hat sie viel Geld und Zeit investiert und ein Studium an einer Privatuniversität in der Region Katalonien absolviert. Ihren Alltag kann sie sich mit ihrem derzeitigen Job trotzdem nicht finanzieren. Schlechte Arbeitsverträge, niedrige Löhne oder gar keine Anstellung: das Land am Mittelmeer kämpft mittlerweile schon seit Jahren mit erheblicher Jugendarbeitslosigkeit. Auch Carme hat sich ihre Zukunft anders vorgestellt: „Jetzt bin ich erwachsen und habe ein fertiges Studium, trotzdem kocht Mama wieder für mich“.



Jahrelang keine Besserung


Dieses Versagen verdeutlicht wie so oft den erschwerten Alltag der sogenannten „Generation Krise“ . Nach der Wirtschaftskrise 2008 verschlechterte sich die Situation des Arbeitsmarktes deutlich. Heute, nach mehr als zwei Jahren Pandemie, sind kaum Besserungen zu erkennen. Nach Griechenland weist Spanien die zweithöchste Jugendarbeitslosenquote in Europa auf: 27,1 Prozent der 15- bis 24-Jährigen in Spanien haben laut Statista, Stand Mai 2022, keinen Job. Im Vergleich: die Quote liegt in Österreich bei 8,4 Prozent. Irland verzeichnet mit 4,9 Prozent den niedrigsten Prozentsatz an jungen Arbeitslosen in der Europäischen Union. Joan, ein 21-jähriger Spanier mit fertiger Ausbildung zum Elektriker, sucht derzeit ebenfalls nach finanzieller Stabilität. „Ich möchte gerade einfach eine Arbeit finden, egal ob sie etwas mit meiner Ausbildung zu tun hat“. Er kenne viele in seinem Bekanntenkreis, denen es genauso geht.




Trotz dieser hohen Jugendarbeitslosigkeit steht das Land gemessen am Bruttoinlandsprodukt im europäischen Vergleich relativ gut da. Doch schon vor Jahren konnte man von folgenden Gründen in den Schlagzeilen lesen: befriste Arbeitsverträge, oft auf Monate, Wochen oder sogar Tage. Auch Carme hätte gerne andere Arbeitsvereinbarungen. Sie arbeitet derzeit vier Stunden am Tag, fünf Mal die Woche – für ein besseres Gehalt und finanzielle Stabilität wäre sie bereit mehr zu arbeiten, doch die Möglichkeit hat sie nicht bekommen. Außerdem läuft der Vertrag in wenigen Monaten wieder aus. So ergeht es vielen, falls sie einen Job finden: Dann ist er zeitlich befristet, schlecht bezahlt oder beinhaltet eine unpassende Stundenanzahl. Joan ist auf der Insel Mallorca aufgewachsen und beklagt sich über einen weiteren Grund, worum er nun schon seit Monaten auf Jobsuche ist: „Unsere Wirtschaft ist stark vom Tourismus abhängig. Wenn gerade keine Sommersaison ist, ist es noch schwieriger, Geld zu verdienen."



Enttäuscht von der Politik


Auffallend ist, dass das Bangen um eine feste Anstellung hier alle betrifft. Ob eine Person gute Chancen auf einen Job hat, hängt meist von Alter, Geschlecht und Bildungsstatus ab. Ungeachtet der Qualifizierung kann auch ein Migrationshintergrund für erhöhte Schwierigkeiten bei der Jobsuche sorgen. Geht es um Jugendarbeitslosigkeit in Spanien, kann es jede:n treffen: Carme mit dem Prestigestudium für mehrere tausend Euro sowie Joan mit der vergleichsweise weniger angesehenen Ausbildung.


Ich fühle mich nicht erwachsen

Schließlich ist es jedoch auch die Arbeitsmarktpolitik, welche die Chancen und Zukunft der jungen Spanier:innen bestimmt. Von dieser ist Joan ein wenig enttäuscht: „Ich habe das Gefühl, dass die Regierung noch immer zu wenig dagegen macht, obwohl es das Problem schon jahrelang gibt“. Auch Carme wünscht sich mehr finanzielle Unterstützung für junge Leute seitens des Staates. Strengere Regelungen bezüglich der oft missbrauchten Verträge und verstärkte Unterstützung beim Weg in die Arbeitswelt hat es bislang kaum gegeben. Mit einer Arbeitsmarktreform soll sich dies jetzt aber ändern. Nachdem die Opposition versehentlich für eine Neuerung stimmte, sollen es nun schärfere Rahmenbedingungen für befristete Verträge geben. Auch ein verstärkter Fokus auf duale Ausbildungswege, wie es sie häufig in Deutschland gibt, soll der Jugendarbeitslosigkeit entgegenwirken.



Zukunft ohne Perspektive


Joan meint, er lebe ein wenig dahin. Ihm fehle Perspektive auf die kommenden Jahre. Kein Job und die dadurch fehlende finanzielle Unabhängigkeit hat nicht nur Kurz-, sondern auch Langzeitfolgen. Der Jugend bleiben Fragen des Erwachsenwerdens oft unbeantwortet: Wann kann ich alleine leben, mich selbst versorgen und eine Familie gründen? Laut dem spanischen Jugendrat hat dies dazu geführt, dass junge Menschen später Kinder bekommen. Das durchschnittliche Alter der Mütter habe sich im vergangenen Jahrzehnt von 29 Jahren auf 31 verschoben. Carme erwähnt außerdem die Abhängigkeit ihrer Eltern und den großen Konkurrenzkampf am Arbeitsmarkt, die ihr zu schaffen machen.


„In Ländern wie Deutschland und der Schweiz hat meine Ausbildung den Wert, den ich mir erhofft habe“

„Ich fühle mich nicht erwachsen.“, sagt sie. Wenn sie in der Früh ihr Haus verlässt, um in der Ordination Patient:innen zu behandeln und ihr Geld zu verdienen, führt sie das Leben einer Erwachsenen. Doch wenn sie tagtäglich durch die Haustür ihrer Eltern spaziert und realisiert, dass sie sich ihre eigene Wohnung wahrscheinlich erst in ein paar Jahren leisten kann, fühlt sie sich in ihre Kindheitsjahre zurückkatapultiert. Dass Carmes Situation kein Einzelfall ist, bestätigen auch die Zahlen. Laut dem spanischen Jugendrat leben rund 89 Prozent der 20- und 24-Jährigen bei ihren Eltern. Auch unter den 25- bis 29-Jährigen sind keine deutlichen Unterschiede zu erkennen: hier sollen es rund 79 Prozent sein.


Als mögliche Lösung zu ihrem Problem nennen sowohl Carme als auch Joan dieselbe: Arbeiten im Ausland. „In Ländern wie Deutschland und der Schweiz hat meine Ausbildung den Wert, den ich mir erhofft habe“, meint Carme. Sie würde zwar am liebsten ihr Leben in Spanien weiterführen, fühlt sich aber gezwungen, ihr Zuhause für bessere Chancen zu verlassen. Carme und Joan hoffen, dass ihnen der Umzug aufgrund der Arbeitsmarktreform erspart bleibt.



 

WEITERLESEN



Wenn Arbeitslosigkeit das Leben einnimmt, die nötige Unterstützung nicht vorhanden ist, und die Parkbank zum Bett wird. Im Rahmen unserer Schwerpunktgeschichte berichten wir über den Kampf ums Überleben: die persönlichen Erfahrungen von Christian und Dieter auf der Straße.