Geh Denken: Verfolgung in Floridsdorf

Jedes Jahr führt der Arbeitskreis "Gedenkrundgang" durch einen anderen Wiener Bezirk – so auch heuer. „Zum Gedenken an die 202 jüdischen Frauen, Männer und Kinder, die in Floridsdorf gelebt haben und von den Nazis deportiert und ermordet wurden“ (Stein der Erinnerung am Hossplatz).


TEXT: SANDRA SCHOBER, FOTOS: JULIA PABST


Immer mehr Menschen versammeln sich an diesem kalten Sonntagnachmittag am Spitz vor dem Floridsdorfer Amtsgebäude. Unter ihnen sind Studierende, Arbeitende, Pensionierte – Personen jeglichen Alters. Drei junge Frauen, alle dick eingepackt in warmen Jacken und mit einem Schal um den Hals, sehen sich um. Sie entdecken die grün-bläuliche Fassade der Bank-Austria-Filiale nebenan und wundern sich über die Farbwahl. „Schaut aus wie ein Minzbonbon“, meint eine der drei.


Hinter ihnen stellen zwei junge Männer ihre Fahrräder an zwei Bäumen ab. Genauso orange wie die Blätter am Boden ist auch der Rucksack von einem und das Stirnband des anderen. Auch sie gesellen sich zu der immer größer werdenden Gruppe, als plötzlich ein langgezogener Signalton durch die Luft schallt.

Ein Mann bläst in ein Schofar

Das Schofar klingt wie eine Art Posaune


Er stammt von einem Mann, der in ein langgezogenes, geschwungenes Horn bläst, das circa viermal so groß ist wie der Kopf des Mannes. Neugierig nähern sich die drei jungen Frauen, eine von ihnen zückt ihre Kamera. Der Mann erklärt den fragenden Gesichtern, dass es sich um ein Schofar handelt. In diesem Fall eines aus dem Horn einer Antilope. Die Verwendung des Schofars ist ein jüdischer Brauch – zum Gedenken und als Alarm. „Das erschien mir heute passend“, erklärt der Mann.


Passend, weil sich – trotz der kalten Jahreszeit – all die Menschen zwischen den Bänken und Bäumen für einen zweieinhalbstündigen Spaziergang durch den 21. Wiener Gemeindebezirk im Gedenken an die Novemberpogrome vor 82 Jahren versammelt haben. Die Organisatoren wollen so auf „antisemitische Kontinuitäten, die lange vor 1938 ihren Anfang genommen haben und noch bis heute andauern“ aufmerksam machen.



„Die SA soll sich mal austoben“


Als Auslöser für den Gewaltakt im November 1938 instrumentalisieren die Nationalsozialisten ein Attentat in Paris. Am 7. November 1938 erschießt der 17-jährige Herschel Grynszpan, dessen Familie deportiert wurde, einen deutschen Botschaftssekretär. „Die SA soll sich mal austoben“, soll Hitlers Reaktion darauf sein. Es sollen flächendeckende Demonstrationen und gewaltsame Aktionen organisiert werden – ohne, dass die NSDAP nach außen als dessen Urheberin auftritt.


Anschläge auf Synagogen und Wohnhäuser, Gewalttaten gegen Einzelne, organisierte Verhaftungen von tausenden Personen und Deportationen – das alles gehört bereits lange zum Alltag der Verfolgten. Allein in Wien werden, laut Recherchen des Dokumentationsarchives des österreichischen Widerstands (DÖW), rund 6.500 Jüdinnen und Juden verhaftet. 4.000 Menschen werden ins KZ Dachau transportiert. Genaue Zahlen zu Toten durch die Novemberpogrome gibt es nicht, viele Betroffene werden durch Erniedrigungen und Gewalttaten in den Selbstmord getrieben.

Slideshow: Der Gedenkrundgang wird von Polizeikräften begleitet, die temporär den Verkehr anhalten


Seit 2003 recherchiert der Arbeitskreis "Gedenkrundgang" jährlich zu den Einzelschicksalen im jeweiligen Bezirk. So machen sie „auf das unfassbare Ausmaß des NS-Terrors“ aufmerksam. Die vergangenen Spaziergänge führen etwa durch Meidling, Neubau und 2020 durch Floridsdorf, vorbei an Gebäuden und Plätzen, die Aufschluss über jüdisches Leben geben. Viele der Stationen lassen heute kaum erkennen, welche Schicksale sich einst dort ereignet haben. So auch der Hochbunker in der Gerichtsgasse.



Größter Arbeitgeber für Zwangsarbeitskräfte


Massiv und gleichzeitig unsichtbar steht der Hochbunker in der Gerichtsgasse. Die grünen Blätterranken, die auf den dicken Betonwänden entlangwachsen, lassen nur erahnen, wie viel harte Arbeit beim Bau verrichtet werden musste. Es ist eines von vielen Gebäuden, das von Zwangsarbeiter*innen erbaut wird. Viele von ihnen kommen aus Ungarn, weil etwa aufgrund der Deportationen nicht mehr genügend Jüdinnen und Juden in Österreich zur Arbeit gezwungen werden können.


„Der größte Arbeitgeber für Zwangsarbeitskräfte ist die Gemeinde Wien“, erklärt Martin Krist, Netzwerkkoordinator von "erinnern.at". In seinen Händen, die mittlerweile vor Kälte schon rot sind, hält er ein schwarzes Klemmbrett mit etlichen Zetteln. Ein kurzes Rascheln ertönt aus den Lautsprechern, während der Vortragende weiterblättert. Der Radfahrer mit dem orangenen Rucksack verlagert sein Gewicht von einem Bein auf das andere, ehe der Vortragende wieder spricht.

Slideshow: Der Hochbunker in der Gerichtsgasse wurde von ungarischen Zwangsarbeiter*innen gebaut


Mit Fortschritt des Krieges benötigt die Stadt immer mehr Menschen, die den Schutt und die Trümmer nach Bombenangriffen wegtragen, in den Fabriken arbeiten oder die Rüstungsindustrie am Laufen halten. Nach der Besetzung Ungarns 1944 holen die Nationalsozialisten vermehrt ungarische Jüdinnen und Juden zur Zwangsarbeit nach Wien. Bezahlt bekommen sie für die oftmals schwere, körperliche Arbeit wenig bis nichts. Zu den Zwangsarbeiter*innen gehören nicht selten auch Kinder.


„Die Kinder hatten die vollen Fässer zu rollen. Ich arbeitete im Laboratorium und brachte die Farbproben dorthin. Andere schleppten die Säcke mit dem Farbpulver ins Lager.“

Unter ihnen ist auch Chava Unger, geborene Éva Ruttkai. Aus dem Ghetto Szeged, rund 160 Kilometer nordwestlich von Budapest, wird sie zur Zwangsarbeit nach Wien deportiert. Sie muss in der Lackwarenfabrik Wilhelm Megerle in der Christian-Bucher-Gasse 35-37 in Floridsdorf Tarnfarben für Waffen und Panzer produzieren. Die Kinder müssen arbeiten wie Erwachsene, erinnert sich Chava: „Die Kinder hatten die vollen Fässer zu rollen. Ich arbeitete im Laboratorium und brachte die Farbproben dorthin. Andere schleppten die Säcke mit dem Farbpulver ins Lager.“


Auch Chava ist, wie alle Zwangsarbeitskräfte, in einem Lager untergebracht, die Zustände sind katastrophal. Sie schlafen auf Holzpritschen, ohne Matratzen. Während Luftangriffen ist es den ungarischen Zwangsarbeiter*innen nicht erlaubt, Schutzräume aufzusuchen. Viele von ihnen werden in Konzentrationslager deportiert oder getötet. Sogar kurz vor Kriegsende gibt es einen Transport ins KZ Theresienstadt und Todesmärsche in Richtung KZ Mauthausen.



„Wohnungsarisierungen“


Wieder ertönt das Schofar und die Gruppe, deren Schatten langsam länger wird, setzt den Rundgang fort. Nach zwei weiteren Stationen – es ist mittlerweile schon dunkel geworden – kommt die Gruppe zu ihrem letzten Halt am Hossplatz. Während sich die Teilnehmer*innen in einem Kreis versammeln, spähen neugierige Bewohner*innen von den angrenzenden Balkonen hinunter. Manche von ihnen zücken ihr Handy und machen Fotos.


Bereits im Juni 1938 kündigt die Stadtverwaltung jüdische Mieter*innen, beginnend bei den Gemeindebauten. Viele Bewohner*innen werden von den Kündigungen überrumpelt, sie wiegen sich in den Gemeindebauten des „Roten Wien“ in Sicherheit. Innerhalb weniger Monate werden 2.064 Wohnungen „freigemacht“, der Großteil der gekündigten Mieter*innen wird in Vernichtungslager deportiert.


Unter den ehemaligen Bewohner*innen des Floridsdorfer „Karl-Seitz-Hofs“ gibt es keine Überlebenden.

Nicht das Ehepaar Anna und Josef Grünwald – sie war Hausfrau, er Elektriker – und ihre Tochter Jakobine. Nicht die Familie Emanuel, Johanna, Minna und Siegfried Roth. Nicht die Bedienerin Katharina Schaumburger. Und auch nicht die Pensionistin Karoline Sloup.


Von den Überlebenden aus anderen Gemeindebauten kehren nicht viele nach Österreich zurück, die Rückstellungsforderungen – 200 an der Zahl – sind dementsprechend niedrig. Kunstwerke, wie zwei Stuckaturen namens „Glückliche Menschen in neuen Häusern“ in der Wohnhausanlage Justgasse, zeigen, dass nationalsozialistische Kontinuitäten bis heute das Bild und die Gesellschaft prägen, nicht nur in Floridsdorf. Erst 2014 wird das Kunstwerk von Rudolf Herman Eisenmenger, der in der NS-Zeit eine hochrangige Position innehatte, mit einer Zusatztafel versehen.



„Worte ziehen Taten nach sich“


„Das Gerücht über die Jüdinnen und Juden, sie würden die internationale Geschäftswelt beherrschen, halten 39 Prozent der Menschen in Österreich für wahr“, schildert die Vortragende. Trotz der tief ins Gesicht gezogenen Mützen und Masken, die fast das gesamt Gesicht bedecken, sind die Reaktionen in den Augen der Menschen klar zu erkennen. Einige der Zuhörer*innen senken betreten die Blicke, eine der jungen Frauen blickt die andere entsetzt an. „Das Gerücht, Jüdinnen und Juden seien an ihrer Verfolgung selbst schuld, glauben 20 Prozent.“ Die Augen der jungen Frau im grauen Wintermantel werden größer, die Fassungslosigkeit steht ihr ins Gesicht geschrieben. Antisemitismus ist auch heute in Österreich nicht nur ein Gerücht, denn „Worte ziehen Taten nach sich“, fährt die Vortragende fort.

Jede fünfte Person in Österreich glaubt, dass Jüdinnen und Juden an ihrer Verfolgung selbst schuld sind


Im Mai vergangenen Jahres etwa werden Portraits von Holocaust-Überlebenden an der Ringstraße aufgestellt. Kurze Zeit später werden sie beschmiert und zerschnitten. Zweimal werden sie wieder aufgestellt, zweimal werden sie wieder zerstört. In Deutschland verübt ein Rechtsextremer vergangenen Herbst einen Anschlag auf eine Synagoge in Halle, wenig später wird auch in Wien eine jüdische Familie angegriffen. Im August dieses Jahres wird in Graz eine Synagoge beschmiert und beschädigt, Elie Rosen, Präsident der Jüdischen Gemeinde Graz, kurz darauf attackiert. Ein Beamter der Polizeistation, die für den Schutz der Synagoge zuständig gewesen wäre, wird wenige Wochen darauf wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung verurteilt.

Auch heute wird Antisemitismus nicht selten verschwiegen und verdrängt, indem er anderen zugeschrieben wird. Häufig wird vom (durch Geflüchtete aus muslimischen Ländern) "importierten" Antisemitismus gesprochen. Fakt ist: Laut Antisemitismusbericht der Israelitischen Kultusgemeinde sind rund sechs Prozent der 2019 verzeichneten antisemitischen Vorfälle auf Täter*innen mit muslimischem Hintergrund zurückzuführen.


Dass Antisemitismus in allen Bevölkerungsgruppen – auch muslimischen – existiert, ist eine „Tatsache, die instrumentalisiert wird, um den Antisemitismus in der Mehrheitsbevölkerung zu verharmlosen oder gar zu leugnen“, liest die Vortragende. Antisemitismus hat schon vor 1938 in Österreich existiert, und er existiert auch heute noch. „Das Gerücht der Jüdinnen und Juden ist in Österreich schon lange heimisch“, schließt die Frau den Vortrag am Hossplatz.