Kuscheln mit Batterien

TEXT & FOTOS: SIRI MALMBORG


Anmerkung: Die Interviews wurden auf englischer Sprache geführt und von der Autorin übersetzt


Sie hat eine rosarote Nase, flauschiges Fell und große, fordernde Augen. Bei Berührung regt sich die Katze und beginnt zu schnurren – man muss sie einfach streicheln. Was aussieht wie eine Katze, ist eigentlich ein Roboter, der in der Pflegearbeit eingesetzt wird. Gebaut, um genau diesen Kuscheldrang auszulösen.


In Österreich liegt die Lebenserwartung von Frauen bei 84 Jahren, die von Männern bei 79 Jahren. Ein funktionierendes Sozialsystem und gute Pflegeeinrichtungen sind dabei zentral. Teil davon könnten Roboter-Haustiere sein. Sie sehen aus wie echte Katzen, Hunde oder – wie im Falle des japanischen Pionier-Roboters PARO – wie weiße Babyrobben. Sie benehmen sich auch wie echte Haustiere, nur dass sie nicht Gackerl machen, haaren, teure Operationen brauchen oder kratzen.


Stattdessen bieten die sozio-interaktiven Roboter Gesellschaft und friedliche Betätigung. Orientiert an tiergestützter Therapie kann Kuscheln, Streicheln und das Sprechen mit den Robotern den Blutdruck ihres Gegenübers senken und dessen Aufregung verringern. Je nachdem, wie technologisch fortgeschritten der flauschige Roboter ist, reagiert er auf Berührung, erkennt Nutzer:innen wieder und merkt sich ihre Stimmen.

Ein Roboterhund und eine Roboterkatze sitzen nebeneinander. Sie sehen aus wie realistische Kuscheltiere. Der Hund ähnelt einem Golden Retriever und trägt ein rotes Tuch um den Hals. Die Katze ist hellgrau und weiß.

Mittlerweile gibt es viele Ausführungen der Roboter auf dem Markt


Bedürfnis statt Diagnose


Wei Qi Koh von der National University of Galway weiß alles über Roboter-Haustiere. Sie forscht im Rahmen von DISTINCT, einem EU-geförderten Projekt, das sich mit Technologien für Menschen mit Demenz beschäftigt. Wei Qi Koh's Spezialgebiet: der Einsatz von Roboter-Haustieren. Obwohl sich DISTINCT auf Menschen mit Demenz fokussiert, warnt Wei Qi Koh davor, diese zu stigmatisieren. Menschen ein Robotertier anzubieten, nur weil sie Demenz haben, mache wenig Sinn, so die Forscherin. „Wenn wir eine Technologie einsetzen, müssen wir auf die Bedürfnisse einer Person schauen, nicht auf ihre Diagnose“, sagt sie. "Manche Menschen, die sozial aktiv sind, brauchen vielleicht Unterstützung dabei, draußen unterwegs zu sein, während andere sich nach Gesellschaft sehnen", sagt Wei Qi Koh. In diesem Fall könnten Roboter-Haustiere nützlich sein.

Nahaufnahme der Roboterkatze. Ihr Fell ist flauschig, grau und weiß, ihre Nase rosa und ihre feinen Schnurrhaare sind sichtbar.

Sie reagieren auf Berührung und können dadurch beim Gegenüber Glücksgefühle auslösen


Bei ZuidOostZorg, einer Pflegeeinrichtung im niederländischen Friesland, sind Katzen- und Hunderoboter seit 2015 Teil des Alltags. Roelfien Erasmus arbeitet als Koordinatorin für Pflegetechnologie bei ZuidOostZorg, wo mehr als 60 Roboter-Haustiere im Einsatz sind. „Wir sehen den Effekt sofort. Manche Bewohner:innen beschäftigen sich mit den Robotertieren und entspannen sich dadurch“, beschreibt sie. Die Pflegekräfte profitieren auch von den flauschigen Geräten, so Roelfien Erasmus. „Es nimmt etwas Druck weg, weil einige Bewohner:innen sich gemütlich mit den Tieren beschäftigen und nicht gestresst herumgehen“, sagt sie. „Außerdem zieht der Roboter von selbst – du musst niemandem erklären, wie man mit einem Haustier umgeht.“



Kein Allheilmittel


Roelfien Erasmus ist mit den Roboterhunden und -katzen zufrieden, betont aber den Fokus auf die Bewohner:innen: „Es geht in der Pflege nicht um Technologie. Es geht um das Individuum, das Pflege braucht“, sagt sie. In manchen Fällen ist eine bestimmte Technologie hilfreich; in anderen Fällen wird etwas ganz anderes gebraucht. "Was, wenn jemand einfach keine Katzen und Hunde mag? Es gibt in der Pflege kein Mittel das für alle funktioniert", sagt Roelfien Erasmus. Wei Qi Koh stimmt dem zu: „Sozio-interaktive Roboter sollen menschliche Pflege unterstützen, nicht ersetzen.“


„Die Batterie war leer und jemand dachte dann, die Katze sei tot.“

Bei ZuidOostZorg befinden sich die Robotertiere in einem gemeinsamen Wohnzimmer, wo sie für alle zugänglich sind. Einige Bewohner:innen haben mittlerweile eigene Roboter, weil sie ihnen besonders zugetan waren. Während sich die einen in der Interaktion mit den flauschigen Begleitern öffnen und Ruhe finden, fühlen sich die anderen zu verantwortlich und daher gestresst, sagt Roelfien Erasmus. Wei Qi Koh erzählt von einem solchen Vorfall: „Die Batterie war leer und jemand dachte dann, die Katze sei tot.“ Manchmal versuchen Nutzer:innen auch, die Roboter zu füttern, erzählt sie: „Dann kommen sie mit einer neuen Fellfarbe zurück." Roelfien Erasmus weiß, dass das Reinigen der batteriegetriebenen Haustiere nicht so einfach ist: „Ich hatte schon ganze Friedhöfe an Robotern. Beine fehlten, manche waren total dreckig. Das ist ein hygienisches Problem.“



Die therapeutische Lüge


Ist es nun in Ordnung eine Person in dem Glauben zu belassen, die Roboter-Katze sei ein echtes Tier? „Hier gibt es disziplinäre Unterschiede“, sagt Wei Qi Koh. „Manche Pflegekräfte agieren stets nach der Realität der gepflegten Person, andere verfolgen den Grundsatz, ihre Patienten niemals anzulügen.“ Dieses Dilemma hat mit der ethischen Täuschung und der therapeutischen Lüge zu tun – mit jener, die nicht unakzeptabel ist, weil sie das emotionale Wohlbefinden einer Person bewahrt. Roelfien Erasmus unterstützt diesen Ansatz: „Manche Familienmitglieder haben Angst, dass es zu weit geht. Warum sollte es zu weit gehen? Wenn eine ältere Frau mit einer Katze herumgeht, mit ihr spricht und kuschelt, braucht sie es und es geht ihr gut damit.“

Der Roboterhund und die Roboterkatze sitzen nebeneinander auf einem Bett im Pflegeheim. Am Kopfende des Bettes befindet sich ein Gestell, von dem ein Griff baumelt - so wie man es aus dem Krankenhaus kennt.

Die Roboter nehmen für manche den Stellenwert echter Haustiere ein


Das zu sehen, sei für Familienmitglieder manchmal nicht so einfach, sagt Roelfien Erasmus. Sie erzählt von einem Bewohner von ZuidOostZorg, der früher immer einen Hund hatte. Jetzt hat er eine Roboterversion und geht damit um, als wäre es ein echtes Tier. „Seine Frau ist zwar froh, dass der Roboter ihm hilft, aber es ist hart für sie zu sehen, dass ihr Mann glaubt, der Hund sei echt“, sagt Roelfien Erasmus. Wei Qi Koh erzählt, dass die Rolle der Familienmitglieder besonders in privaten Pflegeeinrichtungen eine sehr wichtige sei: „Du musst stets im Einvernehmen mit der Familie sein.“ Sie beschreibt es als eine Gratwanderung und erinnert sich an einen Patienten mit Demenz, der als öffentliches Mitglied in ihre Forschung involviert war: Ihm zufolge sollen die Bedürfnisse des Menschen mit Demenz ungeachtet der Meinung der Familienmitglieder stets im Zentrum der Pflege stehen.

 

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