"Recht auf Durchschnitt"

Hass, Diskriminierung und Intoleranz. Mit all dem haben queere Personen auch heutzutage noch zu kämpfen. Die mediale Berichterstattung und Darstellung von LGBTQIA+ Personen hat darauf einen großen Einfluss. Wie Medien mit dieser Macht umgehen und wie sich das auf das Leben von Millionen von Menschen auswirkt.


TEXT & PODCASTS: RONNY TAFERNER

Mit 14 spürt Manuel* zum ersten Mal eine Anziehung zu einem Jungen in seiner Schulklasse. Damals sind es nur einzelne Gedanken an Jungs, die er sofort wieder begräbt. Mit der Zeit werden sie immer häufiger. Er glaubt, es ist nur eine Phase in der Pubertät. Zwei Jahre später denkt er öfter an Männer als an Frauen und nimmt zum ersten Mal bewusst wahr, dass er sich zu Männern hingezogen fühlt. Akzeptieren kann er seine sexuelle Orientierung nicht. "Ich habe das Wort 'schwul' immer nur als Schimpfwort gekannt früher, da habe ich noch nicht einmal gewusst, was es eigentlich bedeutet. Und jedes Mal, wenn meine Mitschüler wieder gesagt haben: 'Alter, der Test war echt schwul.' Oder wenn sie im Turnunterricht gesagt haben: 'Schau mal, wie schwul der den Ball fängt.' – Da habe ich mir innerlich gedacht: 'Warum bin ich so?"


"Ich habe das Wort 'schwul' immer nur als Schimpfwort gekannt früher."

Manuel verbietet sich selbst, an Männer zu denken. Er markiert in seinem Kalender jeden Tag, an dem er beim Masturbieren nicht an Männer denkt. In der ländlichen Gemeinde, in der er aufwächst, kennt er keinen Schwulen. "Da war einmal ein Film im Fernsehen, wo sich zwei Männer geküsst haben. Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, wie mein Vater dann gesagt hat, dass das ekelhaft ist und gegen die Natur. Er weiß bis heute noch nicht, dass ich schwul bin." Kurz vor seinem 18. Geburtstag meldet sich Manuel auf einer Online-Dating-Plattform für schwule und bisexuelle Männer an. Zum ersten Mal bekommt er das Gefühl, nicht alleine zu sein. Und langsam beginnt er zu akzeptieren, dass er Männer liebt. Mittlerweile ist er in die Großstadt Wien gezogen, hat queere Freunde kennengelernt und geht offen mit seiner sexuellen Orientierung um. Doch immer wieder erlebt er Situationen im Alltag, in denen er das Gefühl hat, einen Teil von sich verstecken zu müssen.



Wenn Liebe diskriminiert wird


Diskriminierungen gegen LGBTQIA+ Personen kommen auch im Jahr 2021 noch häufig vor. Eine Statistik der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte mit rund 140.000 LGBTQIA+ Befragten aus dem Jahr 2019 zeigt, dass 43 Prozent aller befragten LGBTQIA+ Personen über 18 Jahre alleine in den letzten zwölf Monaten Diskriminierungen im Alltag erleben, am Arbeitsplatz werden 21 Prozent diskriminiert. Bei intergeschlechtlichen Personen ist der Diskriminerungsanteil mit 62 Prozent am höchsten, gefolgt von transgeschlechtlichen Personen mit 60 Prozent. 58 Prozent der befragten queeren Personen haben Belästigungen und Angriffe in den letzten fünf Jahren erfahren müssen.

2019

2012

Diskriminierungserfahrungen im Alltag in den letzten zwölf Monaten (über 18-jährige)

43 %

37 %

Diskriminierungserfahrungen am Arbeitsplatz​

21 %

19 %

Belästigungserfahrungen in den letzten fünf Jahren

58 %

45 %

Offenheit, mit der sexuelle Ausrichtung oder Geschlechtsidentität gelebt wird

52 %

36 %

​Schüler*innen im Alter von 18 – 24, die ihre sexuelle Ausrichtung oder Geschlechtsidentität in der Schule verheimlichen

41 %

47 %

Und auch wenn die Gleichberechtigung von queeren Personen in Europa zunimmt, ist die Toleranz in vielen Ländern noch immer sehr gering. Während in Schweden 98 Prozent, in den Niederlanden 97 Prozent und in Spanien 91 Prozent gleiche Rechte für queere Menschen fordern, vertreten in der Slowakei nur 31 Prozent, in Rumänien 38 Prozent und in Bulgarien 39 Prozent diese Meinung. Österreich liegt bei dieser Frage mit 70 Prozent im europäischen Mittelfeld. Noch stärker ist der Kontrast im globalen Vergleich, wie sich am Beispiel Homosexualität zeigt: Immer noch wird in sechs Ländern der Welt die Todesstrafe auf Homosexualität angewandt, in fünf anderen Ländern könnte sie unter bestimmten Bedingungen verhängt werden. In 57 weiteren Staaten gibt es eine Haftstrafe für Homosexualität.


Händchenhaltendes Pärchen

LGBTIQ+ Personen kämpfen auch im Jahr 2021 noch mit Diskriminierungen. © Pexels


Ann-Sophie Otte ist Obfrau der HOSI Wien, der wichtigsten Interessenvertretung von LGBTQIA+ Personen in Österreich. Dass es nach wie vor zu Diskriminierungen von queeren Personen kommt, nimmt sie in ihrer Funktion wahr. "Wir merken das oft bei jüngeren Personen, dass es gerade auch im familiären Umfeld noch sehr häufig vorkommt leider beim Coming-Out. Aber auch im öffentlichen Raum für alle Leute, die LGBTQIA+ gelesen werden oder mit ihren Partner*innen unterwegs sind – die erfahren oft noch, dass sie negative Kommentare bekommen – bis zu Gewaltandrohungen oder tatsächlicher Gewalt. Das ist leider in Österreich doch keine Seltenheit."



Diskriminierung als Angstreaktion


Warum diskriminieren Menschen andere Menschen? Psychotherapeutin Alexandra Hofer spezialisiert sich unter anderem auf LGBTQIA+ Lebensweisen: "Ich glaube, dass es die pure Angst ist – und zwar eine, die einem nicht bewusst ist. Niemand, der andere Menschen – egal warum – diskriminiert, wird sich dessen bewusst sein, dass er*sie eigentlich Angst hat. Dass ich mit Dingen zu tun habe, die ich nicht kenne, die ich nicht nachvollziehen kann, mit denen ich noch nie etwas zu tun hatte – das löst ein ungutes Gefühl aus. Manche von uns sind irrsinnig neugierig, wenn sie etwas Neues sehen und andere ziehen sich zurück und finden das bedrohlich. Und wenn das bedrohlich ist, dann ist sozusagen der nächste Schritt, das abzuwehren."


Ähnlich sieht das Wolfgang Wilhelm. Er ist Leiter der WASt – der Wiener Antidiskriminierungsstelle für gleichgeschlechtliche und transgender Lebensweisen, Psychotherapeut und Medienwissenschaftler.

"Einerseits ist es das Fremde, was uns Angst macht. Ich glaube aber, dass soziologische oder politische Aspekte für Diskriminierung viel relevanter sind und das hat ganz viel mit Macht zu tun. Es hat damit zu tun, dass Menschen, andere Menschen unterdrücken. Dass es um Privilegien geht, die abgesichert werden. Es geht um Normen – dass Menschen, die welcher Norm auch immer nicht entsprechen, mit Sanktionen bedacht werden, um sozusagen ein hegemoniales Wir-Gefühl aufrecht erhalten zu können." Es zeige sich sehr stark, dass Menschen, die queere Menschen diskriminieren, wenige queere Menschen kennen, so Wilhelm. Umgekehrt wirke sich das Kennenlernen von LGBTQIA+ Personen positiv auf die Akzeptanz aus.


Medien als Spiegel der Wirklichkeit?


Mittlerweile ist Manuel 24 Jahre alt. Er hat sich in den letzten Jahren viel mit dem Thema Sexualität, Diskriminierung und Akzeptanz auseinandergesetzt. Immer wieder nimmt er wahr, dass LGBTQIA+ Personen klischeehaft in den Medien dargestellt werden. "Es gibt nicht nur schwule feminine Friseure, die gerne shoppen gehen. Die große Mehrheit sind ganz unauffällige, meist maskuline Männer. Warum kann man nicht einfach die Realität in den Medien zeigen? Ich glaube, manche Medien machen das teilweise bewusst nicht, weil ein stereotypisch schwuler Mann einfach unterhaltsamer ist."


Medienwissenschaftler*innen sind sich einig, dass Medien uns beeinflussen. Eine vorurteilshafte, falsche Berichterstattung verstärkt die Diskriminierung der LGBTQIA+ Community. Umgekehrt haben eine realistische Darstellung und Berichterstattung von queeren Personen in den Medien einen positiven Effekt. Studien zeigen, dass es durch eine verstärkte realistische Repräsentation von LGBTQIA+ Personen in den Medien zu einer Akzeptanzzunahme in der Bevölkerung kommt.


"Queere Personen haben ein Recht auf Durchschnitt."

Auf die Frage, wie LGBTQIA+ Personen in den Medien dargestellt werden sollen, gibt es für Wolfgang Wilhelm eine klare Antwort: "Vielfältig. Genauso wie es bei anderen Menschen mit unterschiedlichen Religionen oder kulturellen Prägungen eine ganz große Vielfalt gibt – so gibt es die auch im queeren Bereich. Schwule Männer werden ganz oft als feminin, besonders hipp und stylisch und sensibel dargestellt. Und die gibt’s, aber die gibt’s bei heterosexuellen Männern genauso. Auch queere Personen haben ein Recht auf Durchschnitt." Warum Journalist*innen dennoch häufig auf Klischees zurückgreifen, begründet Wilhelm damit, dass stereotypische Darstellungen unterhaltsamer seien. "Journalistinnen und Journalisten sagen dann: 'Naja, aber dann sind die eh so wie alle anderen.' Sag ich 'Ja'. Aber das ist keine gute Geschichte. Das ist dann Durchschnitt und eh so wie alle anderen auch. "


Der Einfluss der Medien wirkt sich auch auf das Leben von LGBTIQ+ Personen aus. © Pixabay


Dass Medien auch einen sehr großen positiven Impact auf die Integration von queeren Personen haben können, zeigen beispielsweise zwei Reportagen des ZDF-Journalisten Christian Deker. Er ist selbst homosexuell und unterzieht sich undercover einer sogenannten Konversionstherapie eines Arztes – also einer Therapie, die seine Homosexualität angeblich heilen könnte und ihn heterosexuell "werden lässt". Er deckt auf, dass Ärztinnen und Ärzte sogar Geld von der Krankenkassa dafür bekommen können. Seine Reportagen sorgen für großes Aufsehen und Empörung. Nicht zuletzt sind sie ein Mitgrund, dass Konversionstherapien für Minderjährige im vergangenen Jahr in Deutschland verboten wurden.


"Viele Journalist*innen können es einfach nicht besser und hinterfragen es auch gar nicht."

"Aus meiner Sicht wäre es wünschenswert, wenn über LGBTQIA+ Personen möglichst realistisch berichtet wird. Und ich glaube die Realität von LGBTQIA+ Personen unterscheidet sich von der Realität von Nicht-LGBTQIA+ Personen nur relativ marginal. Häufig werden aber LGBTQIA+ Personen in der Berichterstattung so dargestellt, als wären sie ganz anders und ganz besondere Menschen", so Deker. Warum auch heutzutage immer noch falsch und stereotypisch berichtet wird, hat laut Deker vor allem mit Unwissenheit von Journalist*innen zu tun und auch damit, dass sie selbst oft unbewusste Stereotype in sich tragen. "Da steckt häufig gar keine böse Absicht dahinter. Viele Journalist*innen können es einfach nicht besser und hinterfragen es auch gar nicht." Deker fordert dahingehend, dass Medienredaktionen diverser aufgebaut sein sollten.


Eine falsche, reißerische und stereotypische Medienberichterstattung wirkt sich auf das Leben von queeren Personen aus, ist Ann-Sophie Otte von der Hosi Wien überzeugt. Vor allem für queere Jugendliche, die sich häufig in einer Identitätsfindungsphase befinden und von äußerlichen Wirkungen stärker beeinflusst werden. "Was sich viele immer wieder ins Gedächtnis rufen sollten, ist, dass zum Beispiel bei LGBTQIA+ Jugendlichen die Suizidrate vier bis sechsmal höher ist als bei allen anderen Jugendlichen. Und wenn dort durch eine respektvolle, korrekte Berichterstattung ein Dialog eröffnet wird und sich eine öffentliche Meinung vielleicht verändert, kann das auch dort positive Eindrücke haben."



*Manuel will anonym bleiben. Wir haben daher den Namen geändert.

Checkpoints für LGBTQIA+ in den Medien

  • Sexualität und Geschlechtsidentität sollen richtig dargestellt werden. (Kein Kategorisieren und Schubladisieren von sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten)

  • LGBTQIA+ Personen sollen in den Medien sichtbar und gleichberechtigt sein.

  • LGBTQIA+ Personen sollen nicht auf die sexuelle Orientierung reduziert werden.

  • Heteronormatives Weltbild soll reduziert werden.

  • Vorurteile und Stereotype sollen bewusst gebrochen werden oder zumindest nicht verbreitet werden.

  • Realistische Darstellung

  • Die Relevanz des Erwähnens der sexuellen Orientierung abwägen.

  • Auf sprachliche Formulierungen und Verzerrungen soll geachtet werden.

Infos & Hilfe


COURAGE* - die Partner*innen-, Familien- und Sexualberatungsstelle - ist spezialisiert auf Sexualitäten & Beziehungen, gleichgeschlechtliche Lebensweisen, Trans* / Transidentitäten, Inter* / Intergeschlechtlichkeit, Regenbogenfamilien, Gewalt und sexuelle Übergriffe. Wien 01 / 585 69 66 Graz 0699 / 166 166 62 Salzburg 0699 / 166 166 65 Innsbruck 0699 / 166 166 63 Linz 0699 / 166 166 67


Wenn du Unterstützung für dein Coming-Out brauchst oder Fragen hast, ist die HOSI Wien ein guter Ansprechpartner. Jeden Donnerstagabend veranstaltet die HOSI einen Jugendabend, wo du dich mit jungen queeren Menschen vernetzen kannst.


Weitere LGBTQIA+ Organisationen österreichweit, an die du dich wenden kannst, findest du hier aufgelistet.