„Aber wir doch nicht“ – Antisemitismus in Österreich

Das Haus der Geschichte will mit seiner Ausstellung „Neue Zeiten: Österreich seit 1918“ dem Vergessen und Verdrängen des Antisemitismus in der österreichischen Geschichte entgegenwirken. Anhand von Kinderbüchern und Ostergrüßen der FPÖ wird dies genauer erklärt.


TEXT: LUKAS MAYR

BILDER: JULES PABST


Fast jedes Wochenende treffen auf dem Heldenplatz zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite die schweigende Hofburg, auf der anderen Seite eine laute Menschenmasse. In der Menge tragen einige der Demonstrierenden Davidsterne mit der Aufschrift „ungeimpft“ und vergleichen die Corona-Politik mit der NS-Zeit. Rot-Weiß-Rote Fahnen wehen im Wind. Wiens Oberrabbiner Jaron Engelmayer kritisiert, dass hier Tatsachen verdreht und für eigene Interessen genutzt werden. Gegenüber strahlt die Hofburg Ruhe aus. Wegschilder lotsen in das Haus der Geschichte. Dieses bietet seinen Besucher:innen in der Ausstellung „Neue Zeiten: Österreich seit 1918“ einen Blick in die oft vergessene oder verdrängte Geschichte Österreichs. Sie zeigt auf, dass Antisemitismus und Rassismus keine neuen Phänomene sind, sondern schon immer Teil der österreichischen Geschichte waren und es immer noch sind. Die eine Seite betreibt wichtige Aufklärung, während die andere die Shoah verharmlost und relativiert.



Wie wird Antisemitismus definiert?


Antisemitismus ist kein Hass, der auf der Abneigung einer gewissen Glaubensausrichtung basiert. So kann man als Jude:Jüdin seine Religion wechseln und immer noch von Diskriminierung betroffen sein. In unserer heutigen Gesellschaft wird Antisemitismus als Gesamtheit der judenfeindlichen Handlungen, Haltungen und Aussagen beschrieben. Sie sind unabhängig von ihren Motiven, die religiösen, rassistischen oder sozialen Hintergrund haben können. Weiters wird oft auf die Defintion des deutschen Historikers Wolfgang Benzer verwiesen. Dieser nennt vier verschiedene Formen: Die erste Form bezieht sich auf den christlichen Antijudaismus, der seit dem Mittelalter nicht nur religiös, sondern auch kulturell, sozial und ökonomisch motiviert ist. Die zweite Form beschreibt den pseudowissenschaftlich und biologistisch argumentierenden Rassenantisemitismus, der im 19. Jahrhundert entstand. Die dritte Form ist ein Schuldabwehr-Antisemitismus, bei dem die Täterrolle und die Mitverantwortung an der Shoah geleugnet wird. Diese Form war vor allem in Deutschland und Österreich ab 1945 sehr präsent. Die vierte Form ist ein Isarel-bezogener Antisemitismus, der Judenfeindschaft auf den Staat Israel projiziert.



Die verdrängte Geschichte


Um Österreichs Geschichte im 20. Jahrhundert verstehen zu können, ist es essenziell, sich mit dem Antisemitismus auseinandersetzen. Die Austellung ist in verschiedene Räume aufgeteilt. Im ersten Raum befinden sich Austellungsstücke aus dem Jahr 1918. Je näher man ans Ende der Austellung gelangt, desto näher kommt man an die Gegenwart. Es gibt zwar schon seit dem Mittelalter Aufzeichnungen von Diskriminierung gegenüber Juden:Jüdinnen, doch vor allem 1918 zur Republikgründung fällt der Antisemitismus in Österreich auf fruchtbaren Boden. Die damals noch junge Republik war vielen Krisen und Spannungen ausgesetzt. Österreich wurde von vielen als Zwergstaat ohne nationale Identität und wirtschaftliche Überlebensfähigkeit wahrgenommen. Es kam zu einer Polarisierung der Gesellschaft und die Politik suchte nach einem Feindbild. Somit wurde der Antisemitismus das Mittel zum Zweck.


Wahlplakate für die erste Nationalratswahl mit antisemitischen Motiven.

Wahlplakate für die erste Nationalratswahl mit antisemitischen Motiven. © Jules Pabst


Zum Ausdruck kam dies vor allem in der Reaktion auf die Flüchtlingsbewegung der jüdischen Bevölkerung im ersten Weltkrieg. Jüdische Kriegsvertriebene flohen aus den Gebieten Galizien und Bukowina, dem heutigen Südpolen und der Westukraine, nach Wien. Dort wurden sie Betroffene von Diskriminierung. So forderte der damalige Landeshauptmann von Niederösterreich die Ausweisung von allen Personen, die nicht „in einer Gemeinde Deutschlandösterreichs heimatberechtigt seien“. Das Entgegenwirken der Siegermächte und der Ressourcenmangel verhinderten dieses Vorhaben.


Auch bei den Friedensverhandlungen von 1919 in Saint-Germain spielte der Antisemitismus eine große Rolle. So wurde bei der Auseinandersetzung mit dem Staatsbürgerrecht das französische Wort „race“ mit dem deutschen Wort Rasse übersetzt. Dieses hatte schon damals eine eindeutige rassistische Konnotation. So legte Artikel 80 der Friedensverhandlungen fest, dass sich Personen für die Staatsbürgerschaft eines Nachfolgerstaates entscheiden können, wenn sie „die gleiche Sprache sprechen und dergleichen Rasse angehören“ wie die Bevölkerungsmehrheit. Dies wurde dann juristisch gegen Juden:Jüdinnen verwendet, da sie nicht zur „deutschen Rasse“ gezählt wurden.



Antisemitismus für Kinder


Betritt man den nächsten Raum, findet man dort in einem Glaskasten das Kinderbuch „Hatschi Bratschis Luftballon“. Erstmals erschienen ist das Buch 1901. Es ist ein Musterbeispiel dafür, wie Antisemitismus an Kinder weitergegeben wird. Der Autor Franz Karl Ginzkey erzählt die Geschichte von Fritz, der vom bösen Zauberer Hatschi Bratschi entführt wird. Das Haus der Geschichte kritisiert die Darstellung der Figuren im Buch. Fritz wird als braves, stereotyp deutsches Kind dargestellt. Im Gegenzug bedienten sich die Illustrator:innen des Buches verschiedener antisemitischer und problematischer Merkmale, um Hatschi Bratschi darzustellen. So hat dieser eine lange Nase und große Hände. Weiters argumentiert das Haus der Geschichte, dass das Buch somit nicht nur Antisemitismus von Generation zu Generation weitergibt, sondern Kindern lehrt, sich vor Personen zu fürchten, welche andere Aussehensmerkmale haben. Das Buch kann 2022 immer noch gekauft werden.


Das Cover vom Kinderbuch "Hatschi Bratschis Luftballon"

Das Cover vom Kinderbuch "Hatschi Bratschis Luftballon" © Jules Pabst



„…die Stadtratte“


Fast am Ende der Ausstellung kann ein Gedicht gefunden werden, das 2019 als Ostergruß im Parteiblatt der FPÖ Braunau erschien. Das Gedicht „die Stadtratte“ zieht Vergleiche zwischen Menschen und Ratten. Die Stadtratte wird als „Nagetier mit Migrationshintergrund“ beschrieben. Weiters macht das Museum darauf aufmerksam, dass das Gedicht über Migrant:innen herziehe und die „Vermischung" von Kulturen und Sprachen kritisiere. Das Gedicht soll von Vizebürgermeister Christian Schilcher verfasst worden sein. Auf die Veröffentlichung folgte große Kritik. FPÖ-Stadtrat Hubert Esterbauer distanzierte sich und erklärte, dass er zwar als Verantwortlicher im Impressum stehe, dies aber nicht heiße „dass alles, was da drinnen steht, meine Zustimmung erfährt“. Der Autor Christian Schilcher entschuldigte sich für die Aussendung. Er habe provozieren, nicht beleidigen wollen.



Reaktionen auf die Ausstellung


Stefan Benedik, Kurator der Ausstellung, erzählt, dass diese bei der Eröffnung vom internationalen Publikum gelobt, von der heimischen Presse aber eher kritisiert wurde. Er erklärt dies dadurch, dass die Erwartungen nicht erfüllt wurden. So wollte das Museum einen Reflektionsprozess starten und nicht die "Schulbuch-Geschichte" Österreichs darstellen. Auch im Besucher:innenbuch gibt es Einträge, in denen Leute kritisieren, dass in der Ausstellung nicht auf die Geschichte der großen Männer Österreichs eingegangen werde. Ein Generationskonflikt wird deutlich. So ist ein jüngeres Publikum allgemein offener und zugänglicher zu den Themen, die in der Ausstellung angesprochen werden. Laut Stefan Benedik ist es für ein älteres Publikum oft schwer, die eigene Vergangeheit kritisch zu hinterfragen.



Für was es sich zu kämpfen lohnt

"Wenn jemand pessimistisch ist im Bezug auf die Kommuniktations-Kultur in unserer Gegenwart, bietet diese Post-It Wand ein gutes Gegenbeispiel"

Am Ende der Ausstellung befindet sich eine große Wand. Auf dieser haben Besucher:innen die Möglichkeit, anzuführen, für was es sich zu kämpfen lohnt. Stifte und Post-Its stehen bereit, um die Ideen zu verschriftlichen. Themen wie Klimawandel und soziale Gerechtigkeit werden am häufigsten angeführt. Stefan Benedik erklärt, dass trotz eingeschränkter Möglichkeit auf dieser Wand ein Dialog stattfinde. Denn er beobachtet, dass die Post-Its oft Bezug aufeinander nehmen. So werden beispielsweise neben Zetteln mit dem Aufruf, gegen die Corona-Regeln zu kämpfen, andere Zettel geklebt, die darauf verweisen, dass für die Gesundheit der Schwachen gekämpft werden muss. Benedik erklärt zudem, dass Besucher:innen die Post-Its mit anderer Meinung nicht abnehmen, sondern stattdessen etwas daneben kleben.


Unverhältnismäßige Vergleiche von lauten Massen bergen die Gefahr, Geschichte zu verharmlosen. Vor allem in Krisenzeiten, wie wir sie jetzt erleben, muss die Verhältnismäßigkeit gewahrt werden. Um Antisemitismus zu bekämpfen, muss man wissen, woher er kommt. Austellungen, wie diese im Haus des Geschichte, können einen wichtigen Beitrag dafür leisten.


 

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Religiös und liberal - das geht auch. Wir waren bei Or Chadasch, der einzigen liberalen jüdischen Gemeinde in Wien und haben mit Bettina über Diversität in der Synagoge, koschere Ernährung und das Ankommen im religiösen Leben gesprochen. Mehr dazu findest du hier.